Dienstag, 30. Dezember 2008

Jahresrückblick und Jahresvorschau

Die Medien starten jetzt wieder den Großangriff auf das Jahr 2008. Ob in politischer, sportlicher oder finanzieller Hinsicht: Es gilt, das Jahr 2008 zu rekapitulieren, ohne daraus irgendwelche Schlüsse abzuleiten.

Anfangs des Jahres schrieb ich von einer zu erwartenden „Zäsur“. Tatsache ist, dass es sogar mehrere Zäsuren gab, jedoch gerade jene nicht, welche von mir erwartet wurde. Die Ereignisse überschlugen sich in manchen Wochen, andere Wochen waren vergleichsweise sehr, sehr ruhig. Und am Ende des Jahres blicke ich nicht zurück, sondern nach vorn. Das Jahr 2009 eilt im Sauseschritt heran, und ich werde nicht wieder „das Gespenst der Zäsur“ beschwören. Alles und Nichts ist möglich. Jeder Tag kann ein neuer Anfang sein. Jeder Tag bietet neue Chancen. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (Ingeborg Bachmann).

Meine letzten Zeilen im Jahr 2008 möchte ich Otto Pammer widmen, dem großen Gesellschaftsreporter und Produzenten, der in der Nacht auf Montag verstorben ist. Noch vor wenigen Wochen besuchten meine Freundin und ich eine Veranstaltung zu Ehren von Otto Pammer, die vom Filmarchiv organisiert worden ist. Hierbei hatte ich die Gelegenheit, Otto Pammer persönlich zu erleben, und aus seinen reichhaltigen Erinnerungen erzählen zu hören. Otto Pammer hat im Laufe seines Lebens viele Jahre als „rasender Reporter“ gearbeitet, und sozusagen in „Personalunion“ als Redakteur, Kameramann, Cutter und Regisseur agiert. Das Filmarchiv hat erst vor wenigen Monaten mit ihm die Übernahme des zeitgeschichtlichen Archivs („Fox tönende Wochenschau“) vereinbart. Hierbei handelt es sich um sehr wertvolle historische Beiträge, von denen einige anlässlich des Abends zu Ehren von Otto Pammer gezeigt wurden.

Die Relativität des Lebens zeigt sich insbesondere dann, wenn Menschen, die noch vor kurzem ihr Leben mitten unter uns bestritten, nicht mehr unter uns weilen. Ich bin dafür dankbar, diesem großen Reporter, Regisseur und Produzenten einmal persönlich begegnet zu sein.

Samstag, 20. Dezember 2008

Gedanken zum vierten Advent, Mt 6,24

Ein exklusiver Plattenvertrag für Mönche erschütterte die Pop-Industrie. Die singenden Zisterzienser vom Stift Heiligenkreuz schafften es sogar ganz nach oben in die Verkaufscharts. Dann gab es auch noch einen Auftritt zweier Beteiligter an diesem Erfolg bei Thomas Gottschalk. Aus den unglaublichen Verkaufsziffern wurde die Frage abgeleitet, ob denn die Menschen weit spiritueller sind als gemeinhin angenommen oder aber durch die Gesänge der Mönche die spirituelle Ader in Menschen erweckt werden? Tatsächlich ist es vielleicht doch nur so, dass das Marketing besonders gute Arbeit geleistet hat, und aus diesem Grunde eine kleine Euphorie rund um das Chant-Album entstand…

Singende Mönche müssen keine spirituellen Geister erwecken. Vielleicht fühlen sich religiöse Menschen, Atheisten und Agnostiker gleichermaßen von der Schönheit des Gesangs angezogen, der die Seele beruhigt, und dem Geheimnis des Lebens auf der Spur ist. Eine Sehnsucht nach Spiritualität werden nur die wenigsten Menschen abstreiten können. Spiritualität führt über den Menschen und seine Alltagsprobleme hinaus. Spiritualität ist innere Zugewandtheit zu den nicht erklärbaren Phänomenen, die Schöpfung und lebendige Wesen ermöglichte. Spirituelle Menschen sind längst aus sich selbst heraus gelangt, und bereit, inneres Wachstum zu forcieren, der nicht von Selbsterkenntnis und Selbstzufriedenheit abhängt. Das Leben ist mehr als Selbstbespiegelung und künstliches Wirtschaftswachstum. Die singenden Mönche eröffnen den Zuhörern einen Zugang zu inneren Wachstumsmöglichkeiten abseits übermäßig beschrittener Pfade. Eine Tür mag geöffnet werden, doch den Weg beschreiten müssen die Menschen selbst.

Musik kann Herzen öffnen, Musik kann tiefe Verbundenheit mit dem Leben und der Schöpfung offenbaren und signalisieren. Musik kann mehr als jede andere Kunst innere Blockaden lösen. Es müssen keineswegs singende Mönche sein. Seit zwei Jahren, als ich die Band zum ersten Mal live miterlebt habe, bin ich essenziell mit der Musik von „Klee“ verbunden. Die Leadsängerin schreibt fast alle Texte selbst, und ist für die Kompositionen verantwortlich. Texte und Kompositionen passen fast schon gespenstisch kongenial zueinander. Das äußerte sich schon im ersten Album mit dem Titelsong „Unverwundbar“.
Unglaublich, ja zum Teil überwältigend sind die Songs des zweiten Albums „jelängerjelieber“. Die innere Anteilnahme an den meisten Songs haut mich fast vom Hocker. Ich denke, dass jeder Mensch auf bestimmte Musik besonders sensibel reagiert. Warum es bei mir „Klee“ ist, warum bei – scheinbar – so vielen Menschen die Zisterzienser Mönche ist eines von vielen Rätseln, die einer Auflösung harren.

Jesus vermochte es, Menschen – mal metaphorisch ausgedrückt – mit ihrer inneren Musik in Verbindung zu bringen. Jeder Mensch kann seine eigene Saite in sich erklingen lassen, die ihn durchs Leben und immer tiefer ins Sein trägt. Die vollkommenste Harmonie, die der Mensch in sich erklingen lassen kann, lässt ihn mit Gott verwachsen. Jesus war tief mit Gott verbunden, und erhob die Beziehung des Menschen zu Gott zum wichtigsten Gut. Kein Gut, dass auf einer materiellen Basis beruht. Entweder Gott oder der Mammon. * Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Wenn der Mensch in den meisten Fällen den Mammon wählt, führt dies zu den schrecklichen Verhältnissen, wie sie nunmehr auf der Erde existieren. Hungernde, frierende Menschen. Vernichtung von Kulturen, Tierarten, Pflanzenarten. Ausbeutung und Entwürdigung von Menschen. Jesus war sich dessen bewusst, dass jeder Mensch die Wahl hat. Es liegt an jedem Einzelnen, die Konsequenzen seiner Entscheidung zu bedenken, und im Fall des Falles vielleicht zu einer anderen Wahl zu gelangen.

* „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“
– Mt 6,24

Samstag, 13. Dezember 2008

Gedanken zum dritten Advent

Die Finanzkrise führt dazu, dass bei so manchem Zeitgenossen ein Nachdenkprozess begonnen hat. Von Gier ist die Rede, von „den Hals nicht vollkriegen“, von „golden handshake“, von Maßlosigkeit. Aber ist es denn so überraschend, dass der Wahnsinn regiert, und Menschen über Leichen gehen, wenn es um maximierten Eigennutz geht?

Der Turbokapitalismus hat zur Etablierung von Systemen geführt, denen enorme Bedeutung zuerkannt wurde. Die Geschäfte von Banken, Versicherungen und überhaupt multinationalen Unternehmen beruhen darauf, dass weitgehend Existenzen vernichtet werden. Überall auf der Welt arbeiten Menschen zu unmenschlichen Bedingungen, werden ausgebeutet, übervorteilt, rechtlich übergangen, um ihren Lohn betrogen. Dafür lassen sich Manager die Sonne auf den Bauch scheinen, mästen sich in Luxusrestaurants und fliegen von A nach B nach C auf fremde Kosten.

Ungerechtigkeit erwächst aus dem System heraus, das Gelderwerb von Leistung abkoppelt. Millionen Menschen schinden sich unter unerträglichen Bedingungen Tag für Tag, und können mit dem mageren Lohn ihre Existenzen nur äußerst unzureichend absichern. Auf der Butterseite des Lebens gelandete Sonnyboys spielen Monopoly mit echtem Geld, und werden dafür im Falle von Misserfolg mit ein paar Milliönchen vertröstet. Die Schere zwischen Arm und Reich geht Tag für Tag mehr auf.

In der Weihnachtszeit gibt es einige Spendenaktionen, die ein bisschen Geld für die am Rand der Gesellschaft lebenden Menschen aufbringen. Für Banken gibt es Geld im Überfluss, wenn die Finanzkrise den wirtschaftlichen Aufschwung zum Stillstand bringt. Um weiter künstlichen Wachstum zu garantieren, gibt es ein paar „Finanzspritzen“ für verarmte Banken, und dann steigen die Börsenkurse schon wieder. Was hätte Jesus dazu gesagt, dem die Bereicherung einzelner Händler auf Kosten von erniedrigten und beleidigten Menschen ein Dorn im Auge war?

Jeder Mensch auf dieser Welt hat ein Anrecht darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es geht nicht darum, dass Menschen Geld anhäufen, und dann aus „Erbarmen“ einmal in der Weihnachtszeit den großen Zampano spielen. Würde nur 10 % des nunmehr den Banken zur Verfügung gestellten Geldes (bzw. des Gegenwertes) jenen Menschen gegeben, die es wirklich brauchen, wäre der Armut innerhalb weniger Jahre beizukommen. Doch die Reichen und Mächtigen bedürfen der Armen, da nur dadurch ihre Extravaganz, ihre Gier und ihre Machtansprüche beibehalten werden können. Das in die Banken gepulverte Geld kommt nicht den armen Menschen zugute, sondern fast zur Gänze jenen, die für dieses Fiasko hauptverantwortlich sind.

Für Jesus wäre Umverteilung eine Selbstverständlichkeit. Es ginge ihm nicht darum, die Verhältnisse umzukehren, sondern zurecht zu rücken. Seine Chancen, dass ihm dies heute gelänge, wenn er auf der Erde wiederkehrte, wären allerdings sehr gering. Menschen mit Visionen passen nicht in die Welt des Kapitalismus mit allen entstehenden Parametern. Jetzt wäre es an der Zeit, dass Menschen und/oder deren Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen, die über (Groß)spenden für karitative Zwecke in der Weihnachtszeit hinaus gehen. Sonst ist der Kollaps früher oder später unvermeidlich.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Gedanken zum zweiten Advent

Die Weihnachtszeit bringt viele Menschen einander wieder näher. Leider oft nur im Zusammenhang zur Auswahl der Weihnachtsgeschenke. Und es ist nicht selten ein Spießrutenlauf, wenn es darum geht, das „passende“ Geschenk zu finden…

Dabei kann es doch nicht so schwer sein, auf persönliche Vorlieben der anderen Menschen zu reagieren, und dahingehend Ideen umzusetzen. Es geht nicht darum, immens viel Geld für diverse Geschenke auszugeben. Zwar mag es Menschen geben, die sich teure Geschenke erwarten, aber ist das – um mal etwas tiefsinnig zu werden – im Sinne des „Erfinders“?

Jesus wurde schon am Tage seiner Geburt von drei Menschen besucht, die ihm Geschenke brachten. Diese Gaben waren symbolischer Natur. Es spielt keine Rolle, ob sie tatsächlich übergeben wurden oder nicht. Tatsache ist, dass jeder Mensch ein Geschenk für andere Menschen sein kann. Wer liebt, der verschenkt sich. Und wer Gott vertraut, der hat keine Angst davor, dass er nicht angenommen ist. Am Weihnachtsabend kommt es dann zu Reibereien, wenn der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes nicht begriffen wird, und abseits von der essenziellen Bedeutung, welche die Geburt Jesu für gläubige Menschen darstellt, nur nach der „Verwertung“ des Abends als Familienfest oder Geschenkorgie getrachtet wird.

Auf die Welt kam ein Mensch, der zu einer Persönlichkeit heranwuchs. In jedem Menschen stecken Gaben, die er nach innen und außen projizieren kann. Diese Gaben sind es auch, die ihn seinen Mitmenschen näher bringen kann. Werden diese Gaben versteckt oder war es ihm nie vergönnt, diese Gaben auszuleben, weil er das falsche Leben gelebt hat, dann wird es schwierig. Eine Persönlichkeit hat erkannt, was in ihr steckt. Sie hat verstanden, worum es im Leben geht. Sie hat aufgehört, nach Antworten auf langweilige Fragen zu suchen, die nur oberflächliche Lebensstrukturen betreffen. Jesus wuchs heran, und war schon in jungen Jahren bereit, seine Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen. Er hat keinen „Kampf“ verloren, weil er denunziert und seinen „Feinden“ ausgeliefert wurde. Nein, er verstand sich als Sohn Gottes, der dazu berufen ist, den Menschen inneren Frieden zu bringen, und auf die Tatsache hinzuweisen, dass der Mensch tief mit Gott verwachsen ist.

Es gibt nichts Schlimmeres als die Selbsterhöhung. Jeder Mensch, der nur darauf bedacht ist, sich selbst zu erhöhen, und dabei auf die anderen Menschen, und auf die Schöpfung generell „vergisst“, sorgt dafür, dass die Verhältnisse auf dieser Welt so sind, wie sie sind. Jesus macht bewusst, dass kein Mensch sich selbst vergötzen darf. Als Ersatzmittel der Vergötzung dient oft auch das Geld, von dem alles abzuhängen scheint. Dabei ginge es für die Menschen nur darum, die eigene Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen, ohne an irgendeinen Nutzen für das Ego – egal ob in Form von Erfolg, Karriere, Geld oder materiellen Gütern – zu denken. Der Mensch kann an seinen Aufgaben nur dann wachsen, wenn er sich selbst nicht als einzigen Nutznießer definiert. Das Leben von Jesus macht auf wunderbare Weise verständlich, was Hingabe an Gott und der Einsatz persönlicher Gaben zugunsten anderer Menschen bewirken kann.

Weihnachten kann neue Persönlichkeiten in die Welt setzen, weil Menschen damit aufhören, sich selbst zu erhöhen, und somit nicht mehr andere Menschen und die ganze Schöpfung erniedrigen.

Sonntag, 30. November 2008

Gedanken zum ersten Advent

Angesichts der Adventzeit mögen Gedanken in den Menschen auftauchen, die sie das sonstige Jahr über nicht haben… Diese vier Wochen können dazu dienen, zu gewissen Erkenntnissen zu gelangen, oder einfach das Leben in besonderer Weise zu reflektieren.

Wie ist das etwa, wenn ich an meine politische Entwicklung denke? Kann ein Nicht-Politiker überhaupt eine politische Entwicklung durchmachen? Ist das Interesse an Politik schon Begründung genug, um eine Vorwärtsbewegung in politischer Hinsicht zu erreichen?
Ich behaupte, mich trotz weitgehendem Desinteresse an Politik politisch weiter entwickelt zu haben.

Jesus war Teil einer Gesellschaft, in der einfache politische Strukturen herrschten. Es gab einen Kaiser, es gab den Glauben an Götter, es gab den Glauben an einen Messias. Die Menschen waren in der Mehrheit unglücklich, und wussten nicht, wie sie dieses Unglück in Glück verwandeln konnten. Jesus hatte Mittel auserkoren, die es den Menschen leicht machen würden, ihr Leben zu verändern. Nur wer dieses Leben verwandelt, weil er sich in Gottes Hand sicher fühlt, kann dem immerwährenden Unglück entgehen. Eine Maxime, welche hinter all den Gleichnissen steckt, die uns hinterlassen wurden.

Jesus war ein politischer Mensch, der die herrschenden Ordnungen nicht anerkannte. Gleichzeitig war er ein unpolitischer, tiefreligiöser Mensch. Er wollte sich keinem System unterordnen, das er als fragwürdig betrachtete. Seine Worte und Taten waren gegen die Obrigkeit und die Profiteure eines fragwürdigen Systems gerichtet. Jesus wäre heute für ein Grundeinkommen, für das Recht des Menschen auf Nahrung, Wasser und Obdach. Jesus fände es absurd, Pseudo-Arbeitsplätze zu schaffen, und dann zu behaupten, dass jeder Mensch, der wolle, einer Erwerbsarbeit nachgehen könne. Jesus würde sich gerne darüber unterhalten, ob nicht gerade die scheinbar unpolitischen Menschen am meisten tun könnten, wenn es darum geht, Menschen die Würde zurückzugeben. Die Einen werden mit Füßen getreten, und wie Abfall behandelt, die Anderen treten mit den Füßen zu, und behandeln die Anderen wie Abfall. Jene, die diese Behandlung aushalten müssen, sind in gesellschaftspolitischer und seelischer Hinsicht ihrer Würde beraubt. Jene, die treten und andere Menschen wie Abfall behandeln, haben kein Fünkchen von Menschenwürde mehr in sich. Die Einen werden ihrer Menschenwürde beraubt, die Anderen haben sie erst gar nicht. Jesus wüsste die richtigen Antworten auf diese unfassbaren Zustände.

Eine politische Entwicklung hängt nicht nur vom Interesse oder vom Wissensstand über die Materie ab. Eine politische Entwicklung kann sich auch darin manifestieren, dass dem entsprechenden Menschen die Augen aufgehen, was den realen Zustand einer Konsumgesellschaft, den Turbokapitalismus und den Neoliberalismus und deren Auswüchse betrifft. In diesem Zusammenhang habe ich mich als ein politisch eher desinteressierter Mensch politisch entwickelt. In der Adventzeit spielt der Konsum eine besonders wichtige Rolle, und dagegen würde Jesus auftreten. Er würde von den Menschen fordern, dass sie sich in den Spiegel sehen, und darob nicht vor Entsetzen auf das Bild spucken, das sich ihnen zeigt. Auch politische Entwicklung kann Selbstreflexion sein.

Dienstag, 25. November 2008

Kommissarin Lund



Fast drei Monate konnte der geneigte Fernsehzuschauer nahezu an jedem Sonntagabend einen ausführlich behandelten Kriminalfall verfolgen. Es ging um den Mord an einem 19-jährigen Mädchen. Fernsehkrimis sind heutzutage täglich irgendwo im Programmangebot diverser Sender zu finden. Tatsächlich bräuchte darüber nicht großartig erzählt zu werden, wenn im Falle dieser dänischen Produktion keine ausufernde Erzählweise gegeben wäre. Das Besondere ist also die Ausführlichkeit: Etwa 1000 Minuten Crime-Time, und in diesem Zeitraum werden zahlreiche mögliche Täter präsentiert.

Hierbei haben viele Krimi-Zuschauer den Nagel auf den Kopf getroffen. Gleich nach der ersten Sendung wurde danach gefragt, wer denn nach Meinung des Publikums als Täter einzustufen sei. Und siehe da: Etwa 60 % hatten jenen Mann und Arbeitskollegen des Vaters der Ermordeten im Visier, der sich am Ende der Serie tatsächlich als Täter entpuppte. Auch ich tippte schnell auf den merkwürdigen Mann, welcher sich allzu kameradschaftlich und familienfreundlich zeigte.

Trotz der scheinbaren Eindeutigkeit, wer denn als Täter in Frage kommt, erwies sich das Szenario als äußerst spannend. Einige falsche Fährten wurden gelegt, und die genaue Darstellung der Empfindlichkeiten der Eltern des ermordeten Mädchens und derer zweier kleinen Kindern schuf eine eigene Atmosphäre. Die Auflösung des Falls war schließlich noch mit einer „politischen Botschaft“ gekoppelt, die ebenso wenig vorauszusehen war wie das Motiv und die letztliche Provokation des Vaters durch den Täter.

Ist dieses Experiment eines langwierigen Kriminal-Falles als gelungen anzusehen? Ich denke schon. Wenn Zeit und Raum gegeben sind, durch die eine genauere Darstellung von Haupt- und Nebenhandlungssträngen möglich wird, mag das Mosaik der Geschichte stärker durchscheinen als bei den üblichen Krimis mit eineinhalb Stunden Länge. Da es sich um Staffel 1 handelt, ist davon auszugehen, dass weitere Staffeln in ähnlicher Machart geplant sind, worauf ich durchaus gespannt bin.

Montag, 17. November 2008

Jüdischer Filmclub Wien

Ich hatte das große Vergnügen, am 16. November 2008 um 15 Uhr der Eröffnung eines jüdischen Filmclubs in Wien beizuwohnen. Einige junge Menschen haben die Entscheidung getroffen, jüdische Filme einem interessierten Publikum zu präsentieren. Juden und Nichtjuden sind dazu eingeladen, zumindest sechs Veranstaltungen pro Jahr zu besuchen.

Mit dem Metro-Kino hat der jüdische Filmclub ein Kino mit besonderer Atmosphäre als Veranstaltungsort und das Filmarchiv als Kooperationspartner bekommen. Wie einer der Initiatoren bekundete, werden unterschiedlichste Filme im Jahr 2009 auf dem Spielplan stehen. Es wird zudem versucht werden, Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler für die Veranstaltungen zu gewinnen.

Die Etablierung eines jüdischen Filmclubs in Wien ist von großer Bedeutung. Jüdische Kultur in Bild und Ton sehen zu können kann Herzen aufgehen lassen, und insbesondere auch einen Bezug zum Judentum (für Nichtjuden und Juden) herstellen, welcher der Nährboden für weitere Beschäftigung mit dieser Religion und Kultur sein mag. Herr Stern, der den jüdischen Filmclub unterstützt, sagte auch, dass möglichst viele Menschen von der Existenz dieses Vereins wissen sollten. Also, ich komme seinem Ansinnen gerne nach, und gebe kund, dass nach fünfzig Jahren wieder ein jüdischer Filmclub in Wien existiert, der sich viele interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer, Unterstützerinnen und Unterstützer, Mitglieder
und Sponsoren wünscht. www.juedischer-filmclub.at

Der Einstandsfilm des jüdischen Filmclubs ist schon mal ein kleines Juwel. Eine fast als trashig zu bezeichnende Komödie rund um einen schwulen Mann, der schließlich von seiner Mutter gedrängt eine Frau heiratet, und darob in arge persönliche Turbulenzen gerät.

Köstlich war schließlich das koschere Buffet. Auch der Rotwein mundete vorzüglich.

Und was mich besonders gefreut hat: Ich bin schon seit vielen Jahren mit dem Wiener Filmarchiv verbunden, aber so viele Zuschauer gab es schon lange nicht! Das Metro-Kino platzte aus allen Nähten, und es mussten sogar Zusatzsessel aufgestellt werden! Vielleicht gibt es ja sogar mal ein Stelldichein im Augarten, wo das Filmarchiv im Sommer Open-Air-Kino anbietet.

Ich wünsche dem jüdischen Filmclub alles Gute, und werde selbst bemüht sein, so viele Vorstellungen wie möglich zu besuchen. Eine Mitgliedschaft wäre eine besondere Ehre für mich.

Sonntag, 9. November 2008

Novemberpogrom 1938

Als ich im Jahr 2006 das Gelände des ehemaligen KZ Auschwitz und Birkenau betrat, erwies sich dies als besonders schwerwiegende Erfahrung. Die Vorstellung, dass an diesen Orten über eine Million Jüdinnen und Juden auf bestialische Weise umgebracht worden sind, verursacht ein nicht beschreibbares Gefühl im Herzen. Ich hätte mir nach den ersten Minuten nicht gedacht, dass ich überhaupt in der Lage bin, mehrere Stunden in Auschwitz und Birkenau zu verharren.

Die Erinnerung an das Schicksal von hunderttausenden Menschen, die von den Nazis ihres Lebens beraubt worden sind, steht anlässlich dieses traurigen Jubiläums an der Tagesordnung zahlreicher Veranstaltungen. Es begann mit der Zerstörung von Synagogen und Geschäften, die von Menschen mit jüdischen Wurzeln geführt wurden, und setzte sich im Laufe von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren bis zur unfassbar als „Endlösung“ deklarierten Vernichtungsmaschinerie fort.

Mir schnürte es Herz und Seele zusammen, als ich vor Ort in Auschwitz und Birkenau das Gelände der ehemaligen Konzentrationslager durchschritt. Viele Baracken stehen noch, auch einige Wachtürme. Ort und Lage der Gaskammern sind ersichtlich. Die Verbrennungsöfen können besichtigt werden. Der in den KZs auswuchernde Wahnsinn ist überall auf dem Gelände zu erahnen. Doch trotz alledem ist es nicht nachvollziehbar, was sich hier alles abgespielt haben mag.

Wer je in Auschwitz und/oder Birkenau gewesen ist, und auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationslager unterwegs war, wird diese Erfahrung nie vergessen. Nie sollte vergessen werden, was Menschen mit jüdischen Wurzeln angetan wurde! Den Menschen zu gedenken, die unter der brutalen Naziherrschaft auf bestialische Weise zu leiden hatten, sollte nicht nur auf den heutigen Tag und die Abendstunden beschränkt sein. Das Novemberpogrom war der Anfang einer Kette von menschlichen Abgründen, von denen die jüdische Bevölkerung betroffen war. Die Erinnerung an unzählige schreckliche Verbrechen, welche im Namen einer befremdlichen Ideologie begangen wurden, kann nie aus den Köpfen der Nachkommen getilgt sein. Und wir Nachkommen sind aufgerufen, darauf zu achten, dass nie wieder etwas Derartiges passieren darf. Wir müssen wachsam sein!

Heutzutage ist der Fremdenhass an die Stelle des offiziell nicht mehr propagierten Antisemitismus getreten. Asylanten werden wie Aussätzige behandelt. Viele Menschen haben unter Umständen zu leiden, die von einem Rechtsstaat nicht geschaffen werden dürften. Die Angst vor den „Ausländern“ ist nicht nur unbegründet, sondern gleichermaßen absurd. Wer die Kultur des neuen Heimatstaates ignoriert oder sogar ablehnt, hat in diesem neuen Kultur- und Zivilisationskreis nichts verloren. Doch es ist beschämend, diese Argumente auf ALLE Menschen abzuwälzen, die sich für Österreich als neue Heimat oder Asylland entschieden haben. Es darf nicht sein, dass Menschen kategorisch zu „Staatsfeinden“ oder Schmarotzern erklärt werden.

Das Novemberpogrom 1938 dürfen wir Nachkommen wie auch die unfassbaren Folgen nie vergessen. Fremdenhass und Diffamierung von gesellschaftlichen Randgruppen dürfen nicht als selbstverständliche politische Äußerungen einfach im Raum stehen bleiben. Wir sind dazu aufgerufen, dagegen Zeichen zu setzen. Die innere Einstellung ist und bleibt das kostbarste Gut, über das wir verfügen. Es gilt, uns auch mit den Aspekten in uns auseinander zu setzen, die möglicherweise fragwürdig sind. Der Mensch muss sich auch in Frage stellen können. Nur dann ist die Ausgangsbasis einer von innen kommenden Veränderung geschaffen.

Mittwoch, 5. November 2008

Acht Jahre nach dem Wahlbetrug

Paul Auster hat in seinem kürzlich im deutschsprachigen Raum erschienenen Roman „Mann im Dunkel“ ein Szenario beschrieben, das davon ausgeht, es habe weder den Irak-Krieg noch den Anschlag auf das WTC gegeben. Für den Autor, der in New York beheimatet ist, war die Wahl von George W. Bush im Jahre 2000 zum Präsidenten der U.S.A. ein reiner Wahlbetrug, und mit dieser Ansicht steht er sicher nicht alleine da. Auch ich kann mich noch gut an dieses Schmierentheater erinnern, das dazu geführt hat, dem Hoffnungsträger Al Gore sein Anrecht auf die Präsidentschaft zu stehlen. Was folgte waren acht lange Jahre, in denen George W. Bush bewiesen hat, der schlechteste US-amerikanische Präsident der Geschichte zu sein. Er hat Afghanistan bombardieren lassen, den Irak-Krieg eingeleitet, den Anschlag auf das WTC mitzuverantworten, die Kluft zwischen Arm und Reich in seinem Land eklatant erhöht, die Ölbonzen und sonstige multinationale Konzerne mit Geld zugeschüttet, den fundamentalistischen Pseudo-Christen zu viel „Ansehen“ verholfen, Umweltsünder mit Geldgeschenken bedacht, die unteren Einkommensbezieher ignoriert usw. Die Liste der Verfehlungen von George W. Bush ist so lang, dass dazu sicher noch zahlreiche Bücher erscheinen werden. Immerhin hat er Michael Moore ein Podium gegeben, das dieser zu seinem eigenen Vorteil benutzt(e).

Die letzten acht Jahre waren nicht nur verschwendete Zeit, sondern insbesondere ein Beleg dafür, was passieren kann, wenn die falsche Richtung propagiert, und zum non plus ultra erklärt wird. Al Gore hätte in vielerlei Hinsicht anders agiert als der selbsternannte Scharfrichter Bush junior. Nunmehr ist soviel Wahnsinn über die Welt gekommen, dass es fast unmöglich sein mag, tatsächlich Veränderungen zu erreichen, durch die endlich wieder ein Zustand angestrebt wird, der nicht nur der Waffenindustrie, den Militärs, den Ölkonzernen, den oberen Zehntausend, der Oberschicht und den Multis nutzt.

Die Ausgangssituation für Barack Obama ist viel schwieriger und komplexer als jene, die Al Gore vor acht Jahren gehabt hätte, wenn er nicht durch Wahlbetrug seiner Präsidentschaft beraubt worden wäre. Er wird die Welt nicht aus den Angeln heben, und innerhalb kürzester Zeit den Menschen ihre Würde zurückgeben können. Aber er hat die Chance, tatsächlich etwas zu tun, und nach acht unfassbaren Jahren der Ära Bush hoffentlich acht Jahre lang Zeit haben, in wesentliche Punkten Änderungen herbeizuführen. Die Aufgabenstellung wird nur in kleinen Schritten zu lösen sein, und Obama vermittelt durchaus den Eindruck, nicht übereilt die vielen verschiedenen Ziele verwirklichen zu wollen. Es ist verkehrt, ihn als Messias anzusehen, oder gar den Heiligenstatus überzustülpen. Doch er hat nun die Pflicht, jene Hoffnungen vieler Menschen auf diesem Planeten nicht zu enttäuschen, die ihn gewählt und unterstützt haben. Das ist eine Verantwortung, der er sich bewusst sein muss.

Paul Auster beschreibt in „Mann im Dunkel“ eine Parallelwelt, in der es nie einen Präsidenten Bush jun. gegeben hat. Vielleicht vermag es Barack Obama, im Laufe von Jahren seiner Präsidentschaft den schlechtesten unrechtmäßig ins Amt geschleusten Präsidenten, den die Vereinigten Staaten von Amerika je gehabt haben, weitgehend vergessen zu machen, weil tatsächlich die große Veränderung eintritt. Zu wünschen wäre es. Dann könnte der 6. November nicht nur in Kenia als Feiertag deklariert werden.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Nationalsport

Die Skisaison hat wieder begonnen, und der ORF bringt die diversen Rennen der Profis wie jedes Jahr perfekt ins Bild. Es gibt keine Ausnahme von der Regel, außer wenn ein Bildausfall die Idylle stört.

Skifahren ist des Österreichers Breitensport. Tausende von Unfällen und Spitalsaufenthalten belegen eindrucksvoll, dass nur die Wenigsten diese Sportart beherrschen mögen. Doch sie wedeln die Pisten hinunter, und lassen sich auch von Unfällen nicht unterkriegen. Der Grund für die Überpräsenz im ORF hängt von den Erfolgen ab. Kein anderer TV-Sender zeigt eine so ausführliche Berichterstattung. Also ist Skifahren Nationalsport?

Auch die Sportart Fußball wird vom ORF intensiv dargestellt. Jedes noch so uninteressante Spielchen wird gezeigt. Zum Unterschied zum Skifahren gibt es jedoch kaum mal einen Erfolg eines Vereins oder gar der Nationalmannschaft zu bewundern. Hingegen gibt es eine Pleite nach der anderen zu sehen. Dennoch hält der ORF eisern an seinem Publikumsauftrag fest. Also ist Fußball Nationalsport?

Tatsache ist, dass Skifahren und Fußball Sportarten sind, die von relativ vielen Menschen in Österreich ausgeübt werden. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut die sportlichen Fähigkeiten ausgeprägt sind. Skifahren war immer ein guter „Boden“ für nationale Erfolge österreichischer Sportlerinnen und Sportler. Fußball hat hingegen einen besonderen Stellenwert, weil die Geschichte dieses Sports maßgeblich von Österreichern beeinflusst worden ist. In den Anfangsjahren dieses Sports spielte Österreich eine Vorreiterrolle, von der natürlich jetzt nicht mehr die Rede sein kann. Während es logisch erscheint, dass österreichische Skifahrerinnen und Skifahrer als Profis Erfolge einheimsen (das Land der Berge hat hier Heimvorteil), ist es im Falle des Fußballs die Erinnerung an bessere Zeiten, und damit ist nicht das leidige Thema Cordoba gemeint.

Was beide Sportarten eint, ist der provozierte Patriotismus seitens eines gewissen Teils der österreichischen Bevölkerung. Wie groß dieser Anteil sein mag, kann nur geschätzt oder vermutet werden. Ich für meinen Teil finde wenig Gefallen daran, irgendwelchen österreichischen Sportlerinnen und Sportlern zuzujubeln. Jeder Einzelne erbringt seine Leistung, im Fußball auch im Kollektiv. Die Nationenwertung im Profi-Skifahren gewinnt immer Österreich, und das österreichische Fußballnationalteam ist mittlerweile zur Lachnummer verkommen, die froh sein kann, auf den Färöer wenigstens einen Punkt ergattert zu haben.

Es bereitet mir Vergnügen, sportliche Leistungen zu verfolgen. Ich mache dies jedoch von keiner Nationalität der Sportler abhängig. Der Radsport hat vielleicht in Österreich einen Knacks erlitten, weil Herr Kohl gedopt hat, doch das hebt die Welt nicht aus den Angeln. Im Radsport geht nicht erst seit gestern einiges nicht mit rechten oder linken Dingen zu.

Der Wettbewerb, welcher von Menschen bestritten wird, hat immer viele Menschen angezogen. Das gilt geschichtlich verbürgt. Anderen Menschen zuzusehen, wie sie sportliche Leistungen erbringen, lässt ein Mauerblümchen-Dasein führende Zuschauerinnen und Zuschauer zu Rabauken, Fanatikern oder einfach Mitfühlenden werden. Das ist gut so, weil es auch ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Doch kann nur ein – aus welchen Gründen auch immer entstandener – Nationalsport dieses Gemeinschaftsgefühl verursachen? Kann es nicht möglich sein, abseits von Pisten, Fußballplätzen und als imaginäres Publikum vor dem Fernseher solidarische Gefühle zu empfinden? Einfach zum Nachdenken…

Freitag, 24. Oktober 2008

Qualitätsfernsehen

Elke Heidenreich ist ihren Job beim ZDF los. Sie hat über eine Zeitung kundgetan, dass es sie nicht stören würde, rausgeschmissen zu werden, und da ließ sich das ZDF nicht lumpen. Die Dame hat sich „geschämt“, für diesen Sender zu arbeiten. Aufgefallen ist es ihr aber erst, als Herr Reich-Ranicki gleich einen Rundumschlag gegen das Fernsehen machte.

Frau Heidenreich hat zudem Thomas Gottschalk verbal attackiert, was wiederum Herrn Reich-Ranicki dazu veranlasste, seinen neuen Duz-Freund Thomas Gottschalk zu verteidigen.

Ich muss zugestehen, schon längere Zeit die Sendung „Lesen“ boykottiert zu haben. Elke Heidenreich hat einen Vertrag mit Random house geschlossen, und dient sich nun also diesem Mega-Konzern an, der mit Vorliebe kleinere bis mittlere Verlage schluckt. Die Autorin, Büchernärrin und Opern-Liebhaberin kritisiert das ZDF schärfstens, und ist sich nicht zu schade, mit Random house zusammen zu arbeiten, wo nicht unbedingt ausschließlich wertvolle, qualitativ hochwertige Literatur verlegt wird.

Nunmehr breche ich eine Lanze für das ZDF. Wer sich nämlich ein bisschen mit dem Programm auseinandersetzt, das vom ZDF ausgestrahlt wird, den wird es wundern, wie es sein kann, dass irgendein Mitarbeiter diese Sendeanstalt nur widerwillig als Arbeitgeber ansieht.

Fast jeden Montag zeigt das ZDF oft ausgezeichnete Erstausstrahlungen von deutschsprachigen Filmen. Erst diese Woche etwa „Ein riskantes Spiel“; einen Spielfilm, der von Freundschaft bis in den Tod handelt, und das Prädikat besonders wertvoll verdient. Ebenfalls am Montag werden immer wieder in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ hervorragende Filme (oft mit dokumentarischem Charakter) gezeigt.

„Das philosophische Quartett“, und das „Nachtstudio“ sind zwei Beispiele für ausgezeichnete Diskussionskultur im Fernsehen. Wenn ich etwa an die Sendung rund um Franz Kafka zurückdenke, einfach fantastisch!

„Aktenzeichen XY“ hat einen Stellenwert, den so mancher TV-Konsument in Frage stellen mag, doch diese Sendung sorgt durch das Zeigen von kriminellen Taten dafür, dass nicht wenige der Verbrechen durch Mitarbeit von Zuschauern aufgeklärt werden, und außerdem mag es passieren, dass einige der TV-Konsumenten aufmerksamer sind, wenn sie mit einer realen Situation konfrontiert werden, die an ein Verbrechen oder ein beabsichtigtes Verbrechen denken lässt.

Krimis gibt es noch und nöcher, keine Frage… Und nicht jede Krimi-Serie ist das Gelbe vom Ei. Jedoch sind es nicht nur die Zugpferde „Ein Fall für Zwei“ und „Der Alte“, welche für (im Falle von „Der Alte“ wieder) Qualität garantieren. „Der Kriminalist“ und „Kommissar Stolberg“ zeigen ausgezeichnete Schauspieler in titelgebenden Rollen, deren Persönlichkeitsstrukturen verschiedener nicht sein können, und gerade deswegen zu brillieren vermögen. Mit „Kommissarin Lucas“ und „Bella Block“ ermitteln zudem zwei Frauen (vielleicht etwas zu selten), deren Rollenträgerinnen zur Creme de la creme der deutschsprachigen Schauspielkunst zählen. Und nicht zu vergessen, dass sich das ZDF mit „Kommissarin Lund“ die Rechte für ein ungewöhnliches Krimi-Serien-Konzept aus Dänemark gesichert hat!

Vom Zugpferd „Wetten…dass?“ brauche ich gar nicht groß zu schreiben, auch wenn sich Frau Heidenreich mit dieser Show, die zweifellos in den letzten Jahren an Qualität eingebüsst hat, und dennoch im Vergleich zu anderen Shows immer noch wie ein Fels in der Brandung steht, nicht anfreunden kann.

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Genau das hat Elke Heidenreich getan, und nachvollziehen kann sie das wohl nur für sich selbst. Denn dass das ZDF keine Sendeanstalt ist, die nur Schrott zeigt, steht fest. Das auch im ZDF Sendungen laufen, die nicht unbedingt supergut sind, ist auch klar. Schade finde ich es zudem, dass sich die Verantwortlichen des ZDF schon seit einigen Jahren nicht dazu aufraffen, Episoden von „Derrick“ zu wiederholen (gerade jene aus den 1970´er und frühen 1980´er Jahren wären insbesondere für das jüngere Publikum interessant!). Dennoch ist der Rundumschlag von Frau Heidenreich völlig überzogen, und ihre Kündigung seitens des ZDF verständlich.

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki wissen, wovon sie sprechen. Dem älteren Herrn sitzt manchmal vielleicht zu sehr der Schalk im Nacken, und er übertreibt ziemlich. Andererseits hat er wahrscheinlich gar nicht genug Zeit, um sich genauer dem Fernsehprogramm zu widmen. Für Elke Heidenreich sollte das Programm des ZDF jedoch nicht unbekannt sein. Ja, selbst im ZDF wird durchaus Qualitätsfernsehen gezeigt! Und ein Weilchen dachte ich sogar, dass das – freilich mit Abstrichen – auf die Sendung „Lesen“ zutrifft…

Dienstag, 21. Oktober 2008

20 Jahre STANDARD


MEIN PERSÖNLICHES EXEMPLAR!


Die Geburtsstunde des STANDARD blieb mir verschlossen. Ich absolvierte damals eine Ausbildung in einem Buchverlag, besuchte regelmäßig die Tanzschule und schaute mir im Kino grimmige Filme an. Aus welchem Grund auch immer entging mir dieses Zeitungsprojekt, und es sollte vierzehn Jahre dauern, bis ich mir den STANDARD genauer anschaute.

Warum zog so viel Zeit ins Land, ehe ich die Zeitung für Leser für mich entdeckte? Möglicherweise war es das Format, das ich als störend empfand. Oder auch die ausführliche Berichterstattung. Kaum hatte ich jedoch eine Ausgabe probehalber studiert, war schnell der Entschluss gefasst, diese Tageszeitung regelmäßig zu lesen. Es ergab sich eine mittlerweile auch schon wieder fast siebenjährige Auseinandersetzung mit dieser – jetzt kann ich es mit dem Brustton der Überzeugung schreiben – Qualitätszeitung.

Es war einmal eine Zeit, als ich tatsächlich das Kleinformat bevorzugte. Hauptgrund war der Sportteil, Nebengrund der Telemax. Doch was ist im Vergleich dazu der STANDARD: Kolumnen vom Feinsten, ausführlicher glänzender Kultur-Teil, Hintergrundberichte aus den Welten der Medizin und Wissenschaft, Kommentar der Anderen, ALBUM, RONDO, Sonderausgaben, Blattsalat usw. usw. Jeden Tag könnte ich mich stundenlang mit dem STANDARD beschäftigen, wenn nicht auch noch andere Dinge zu erledigen wären…

Den Vogel schoss der STANDARD nunmehr mit der Jubiläumsausgabe zum 20. Geburtstag ab. Gibt es denn so etwas? Christian-Ludwig Attersee fertigt 10 Bilder an, die Adam und Eva als STANDARD-Leser darstellen. Er steht mit einigen verdienten Mitarbeitern des STANDARD bis halb fünf Uhr in der Früh in der Druckerei, um einen Prozess zu verfolgen, der seinesgleichen sucht: Jeder STANDARD der Jubiläumsausgabe ist ein Unikat! Es gibt winzige Nuancen bei der Farbgebung, und jede Zeitung hat damit eine eigene Prägung. So etwas gab es definitiv noch nie in der Zeitungslandschaft.

Das Titelblatt der STANDARD-Jubiläumsausgabe lacht mich also mit einer Einmaligkeit an. Und dann galt es natürlich, mich genauer mit dieser Jubiläumsausgabe auseinander zu setzen, was mehrere Stunden in Anspruch nahm. Besonders eindrucksvoll die RÜCKSCHAU und der VORAUSBLICK sowie die Darstellung der Mitarbeiter. Philosophische Auseinandersetzungen mit der Berichterstattung, und darüber, was eine Tageszeitung (eigentlich) ausmachen mag?

Der STANDARD ist immer auch mehr oder weniger ironisch, vergisst dabei aber nie, auf welcher Seite er steht. Er betrachtet sich als unabhängig, und gibt Berichten über Menschen Raum, die am Rande der Gesellschaft, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, deren Existenz bedroht ist, die nicht den Sprung an die Spitze geschafft haben. Der STANDARD öffnet Räume, und erweitert das Bewusstsein für eine Realität abseits üblicher Normen.

Im ausgezeichneten Film „Before sunrise“ fällt der Satz, dass Medien das Bewusstsein der Menschen beeinflussen. Diese Aussage ist negativ gemeint, und tatsächlich vermögen es Medien, Meinungen und Anschauungen der Menschen in die von ihnen gewünschte Richtung zu transportieren. Und ich gebe zu: Auch ich werde vom STANDARD beeinflusst! Ja, das lässt sich nicht abstreiten, ABER: Mein Bewusstsein ist in positiver Hinsicht abgedriftet. Es verfängt sich nicht mehr in Banalitäten und falsch fokussierten Bildern und Ideologien.
Der STANDARD ist nicht nur eine Zeitung für Leser, sondern ebenso für neugierige Menschen, die den Dingen auf den Grund gehen wollen. Dafür und für vieles Andere herzlichen Dank, und herzliche Glückwünsche zum Jubiläum!

Samstag, 18. Oktober 2008

Leben ohne Fernsehen?

Marcel Reich-Ranicki könnte ohne Fernsehen leben. Zumindest tut er so, als ob. Er lehnt einen Preis ab, weil er die stundenlange Fadesse einer Preisverleihungs-Show nicht auf sich sitzen lassen kann. Tatsächlich ist es für einen 88-jährigen Menschen nicht so einfach, mehrere Stunden sitzend darauf zu warten, dass irgendetwas passiert, dann seinen Namen als Preisträger zu hören, und stehend eine Dankesrede zu halten, die er sich gerne erspart hätte. Doch er ist bei der Veranstaltung aufgetaucht, und musste dann also die Fadesse aushalten, der er sich so gerne entzogen hätte.

Nur wenige Tage später hat sich Marcel Reich-Ranicki im Fernsehen in einer eigenen Sendung mit Thomas Gottschalk getroffen, um über das Fernsehen zu sprechen. Anders als bei seinen sonstigen Fernseh-Auftritten kam Gottschalk fast intellektuell daher. Er verteidigte die Fernsehsender, welche der Quote verpflichtet wären. Sendungen mit intellektuellem Charme hätten kaum Chancen, von vielen Menschen gesehen zu werden, und die leichte, lockere Unterhaltung mag das non plus ultra der Fernsehlandschaft sein. Selbstverständlich verneinte der Literaturkritiker Reich-Ranicki alle Ansichten, die der Show-Krösus Gottschalk von sich gab. Er traue es Gottschalk durchaus zu, eine anspruchsvolle Sendung zu moderieren, bei der dann die Massen vor dem Fernsehbildschirm kleben bleiben würden. Warum immer nur seichte Unterhaltung?

Reich-Ranicki und Gottschalk kannten sich schon vor dieser kleinen Sendung. Sie begegneten einander sogar mal bei „Wetten…dass?“… Wer Marcel Reich-Ranicki zuhörte, könnte dem Glauben verfallen, das Fernsehen sei nur eine Verdummungsmaschine, und somit wäre es am besten, gar nicht erst einzuschalten, und stattdessen ein gutes Buch zu lesen. Natürlich gäbe es immer wieder gute Filme zu sehen, die einen gewissen Anspruch erfüllen. So etwa eine Dokumentation über Kissinger auf ARTE. Doch prinzipiell könne vom Fernsehen nicht viel erwartet werden.

Es gibt nicht wenige Menschen, die tatsächlich auf einen Fernseher verzichten, und sich stattdessen Radiosendungen hingeben, oder ein gutes Buch lesen. Es müsste genauer erforscht werden, ob diese Menschen auch auf das Internet verzichten. Früher haben die Menschen auch ohne Fernsehen leben können, also so schwierig kann dieses Unterfangen ja nicht sein, oder?

Ich gehöre zu jenen Menschen, die nicht wild herumzappen, und auf eine glückliche Fügung hoffen, dass mir irgendwann das meiner Gefühlslage entsprechende Programm zugespielt wird. Nein, ich setze mich mit dem Fernsehprogramm konstruktiv auseinander, und gestalte mir mein Programm selbst. Dadurch ist es mir möglich, meinen Interessen gemäß Fernsehbilder serviert zu bekommen. Es ist nicht alles „Qualitätsfernsehen“, was ich bevorzuge, doch auf vieles mag dieses Wörtchen zutreffen. ARTE und 3 SAT sind zwei meiner Lieblingssender, weil hier Kultur eine essenzielle Rolle spielt, ausgezeichnete Filme zu sehen sind, und Themenabende sowie Dokumentationen hintergründiges über Menschen, die in den weniger bekannten Winkeln der Welt leben, erzählen.

Könnte ich ohne Fernsehen leben? Ja, ganz sicher sogar. Aber ich schalte den Fernseher gerne an, und lasse mich auf Welten ein, die ich selbst gewählt habe. Warum sollte ich mich mit Talk-Shows („Hilfe, mein Nachbar wohnt nebenan!“), Ratesendungen oder Anti-Sänger-Wettstreitigkeiten abgeben? Wie im Internet auch habe ich die Möglichkeit, auszuwählen, was ich bevorzuge. Es existiert kein Zwang, mich dem Schwachsinn auszuliefern. Das dies viele Menschen tun will ich nicht bestreiten, aber diese Menschen haben auch eine Wahl getroffen. Wer wählt, muss dies für sich selbst verantworten. Das Fernsehen hat das Leben der Menschen dahingehend revolutioniert, weil sie Bilder aus allen Ecken und Enden der Welt sehen können, ein bisschen Bescheid wissen über die Lebensbedingungen anderer Menschen, die weit entfernt leben, und da nehme ich gerne in Kauf, dass Privatsender und sogar die Öffentlich-Rechtlichen unsinnige Sendungen im Programm haben.

Marcel Reich-Ranicki hat aus einer Maus einen Elefanten gemacht. Das Fernsehen ist nicht so schlecht, wie er es dem Fernsehpublikum vorgaukeln mag. Immerhin hat er mit dem „Literarischen Quartett“ die Möglichkeit gehabt, sogar der Literatur im Fernsehen einen ihr gebührenden Platz zu reservieren. Tatsächlich gibt es zahlreiche Literatursendungen (sogar der ORF hat seit kurzen wieder eine..), und damit müsste der 88-jährige Mann doch zufrieden sein? Nein, es existiert kein Elefant namens absolute Verdummungsmaschine, sondern nur eine Maus namens Fernbedienung. Wer sich dem Fernsehen entziehen will, der kann dies gerne tun. Ich keineswegs. Auch heute werde ich der kleinen Maus wieder huldigen. Und ich weiß schon, welche Kleidung diese gar nicht graue Maus trägt…

Montag, 13. Oktober 2008

Zum Tode von Kurt Weinzierl und Guillaume Depardieu

Es mag ungewöhnlich sein, aber ich komme nicht umhin, einen weiteren Beitrag zu schreiben, der aufgrund des Todes (diesmal sogar) zweier Menschen entsteht. Ich könnte über alles Mögliche andere schreiben, doch dazu fehlt mir die Motivation. Zudem ist Kurt Weinzierl ein Schauspieler, der mich von Kindheit an buchstäblich begleitet hat. Ob in der Serie „Kottan ermittelt“, wo er als Polizeipräsident für Furore sorgte, oder in der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, die ihn manchmal mit einem gewissen Herrn Sackbauer zusammenkrachen ließ.

Erst letztes oder vorletztes Jahr las ich die Vorlage des „Echten Wieners“, und zwar den Roman „Salz der Erde“ von Ernst Hinterberger. Die geschilderte Figur, welche dann in der Serie von Kurt Weinzierl verkörpert wurde, ist zwar auch ein wenig schrullig, aber zudem äußerst intellektuell und nachdenklich. Für die Serie wurden alle Figuren etwas anders angelegt, was ein bisschen schade ist. Eine der letzten Rollen, wenn nicht die letzte Fernsehrolle des ungewöhnlichen Volksschauspielers ist jene des gealterten Vitus anlässlich des runden Geburtstages von „Mundl“ Sackbauer.

Kurt Weinzierls Kampf (als Pilch) mit dem Kaffeautomaten gehört zu den spannendsten Duellen der österreichischen Fernsehgeschichte. Ein Duell, das Pilch immer wieder verlor, und doch die Hoffnung auf einen siegreichen Kampf nie aufgab.

Seine sehenswerteste Rolle war aber wohl jene, durch die er Franz Jägerstätter verkörperte.
Franz Jägerstätter lehnte aufgrund seiner religiösen Einstellung den Dienst mit der Waffe ab, und wurde am 9. August 1943 enthauptet. Dieser Mann ließ sich von seiner moralischen Einstellung nicht abbringen, und wurde für dieses Vorgehen von den Nazis ermordet.
Kurt Weinzierl spielte den jungen Mann, der nur 36 Jahre alt werden durfte, mit Bravour.

Erst vorgestern habe ich eine kleine Dokumentation über Kurt Weinzierls „Welt“ gesehen, die ihn auch als Kabarettisten zeigt. Mit ihm ist ein bemerkenswerter Film- und Volksschauspieler im Alter von 77 Jahren von uns gegangen.

Guillaume Depardieu wurde nur 37 Jahre alt. Er war der Sohn des berühmten Gerard, und hatte im Laufe seines Lebens für einige Skandale gesorgt. Es gelang ihm nie, aus dem Schatten seines Vaters zu treten, mit dem er in einigen Filmen spielte. Unter anderem verkörperte er den jungen Edmond Dantes. Dem Schauspieler war im Jahr 2003 das rechte Bein abgenommen worden, weil es sich entzündet hatte. Er verstarb an den Folgen einer akuten Lungenentzündung.

Das Schicksal von Guillaume Depardieu hätte vielleicht anders verlaufen können, wenn er sich nicht mehrmals als Schauspieler versucht hätte. Nicht wenigen Söhnen berühmter Väter (berühmtestes Beispiel ist der Sohn von Goethe) gelang es nicht, sich aus dem Schatten des Vaters zu lösen. Guillaume hatte mit Sicherheit schauspielerisches Talent, aber es ist ein unmögliches Unterfangen, sich mit seinem – möglicherweise – väterlichen Vorbild zu messen.

Vielleicht hätte er es früher oder später geschafft, mit seinem Schicksal besser umzugehen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, länger zu leben. Wir werden nie erfahren, was hätte sein können…

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Le Clezio und die Finanzmarktkrise

Der Finanzmarktkrise zum Trotz hat ein mir bis heute völlig unbekannter Autor den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen. Er darf sich über eine Menge Geld freuen.
Bislang wurde, wie ich recherchieren konnte, gerade mal einer seiner Romane – und das letztes Jahr – im deutschsprachigen Raum verlegt. Seine Biographie ist nicht uninteressant, dennoch ist es immer wieder interessant, zu welchen Entscheidungen die Akademie gelangt.

Für John Irving und John Updike ist der Zug noch nicht abgefahren. Vielleicht wird es nächstes Jahr doch mal ein Österreicher oder Paul Auster. Wie im Lotto scheint auch punkto Literaturnobelpreis alles möglich zu sein. Wobei die Zuerkennung an Paul Auster freilich nach meinem Geschmack wäre…

Samstag, 4. Oktober 2008

Leben ohne Internet?

An den meisten Tagen des Jahres schalte ich zumindest ein bis zwei Mal den PC ein. Hauptgrund ist hierbei die Auseinandersetzung mit dem Internetz. Ich prüfe meine E-Mails, setze mich mit Foren auseinander, halte in einigen Netzwerken Nachschau, informiere mich über Neuigkeiten in Politik, Sport und Wirtschaft, und halte mich überhaupt mit Web 2.0 auf Trab. Hinzu kommen hie und da noch allerlei sonstige Aktivitäten von Podcasts über Online-Filme bis zu Hintergrund-Informationen über Fernsehsendungen.

Also, das Internetz ist offenbar aus meinem Leben nicht wegzudenken… Dabei ging es in meinem Fall bis Ende des Jahres 1999 problemlos auch ohne dieses Medium. Ist das Internet tatsächlich so wichtig, dass Tag für Tag eine Konfrontation unausweichlich bleiben mag? Tatsache ist, dass mittlerweile Unmengen an Geld von Internet-Unternehmen verdient werden. Und manche Geschäftsleute sind damit unermesslich reich geworden, wenn ich etwa an die Verantwortlichen von Google denke. Andererseits treiben nicht wenige Menschen Schindluder mit diesem Medium. Kinderpornographie ist hierbei die schrecklichste Form der Geschäftemacherei. Sexseiten boomen, und wer mal irrtümlich auf irgendeine Werbung geklickt hat, die wo auch immer mit Sicherheit auftaucht, wird wenig später mit Spam-Mails eingedeckt.

Eine Möglichkeit, die das Internet bietet, und von zahlreichen Menschen genutzt wird, ist das Web-Tagebuch. Hier gilt, dass jene User die meisten Clicks generieren, die möglichst „sensationelle“ Einträge verfassen. Wer sein Privatleben bis in intimste Details offen legt, kann damit rechnen, sehr viel gelesen zu werden. Dafür gibt es eine Menge Beispiele, die ich freilich nicht anführen will. Als Autor neige ich nicht dazu, Details aus meinem Leben zu verraten. Ich will nicht mehr und nicht weniger als eigene Anschauungen und Vorstellungen beschreiben. Watzlawick und die Konstruktivisten sind von der „erfundenen Wirklichkeit“ überzeugt, und meine Leser erhalten einen kleinen Einblick in meine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit wiederum bildet sich ausschließlich in meinem Kopf ab. Wenn ich darauf aufmerksam mache, dass ich eine Affinität zu einem anderen Autor oder einem bestimmten Buch habe, nehme ich meine Leser mit in diese Gedankenwelten. Und mehr soll ein Internet-Tagebuch meiner Meinung nach auch nicht sein. Die Leser können an meinen Gedankenwelten teilhaben. So etwa auch daran, dass ich momentan ziemlich verärgert darüber bin, dass der Online-Vorverkauf der Viennale offensichtlich zwei besonders interessante Filme, nämlich „Malina“ und „Let´s make money“ ignoriert. Das Internet sollte die Möglichkeit bieten, bei schnellem Zugriff gleiche Chancen zu haben, etwa an Karten für Kinofilme oder Konzerte heranzukommen, für die es sonst selbst bei stundenlangem Schlange stehen nahezu unmöglich wäre, in deren Besitz zu gelangen. Es ist in Ordnung, wenn die Karten von vor den Vorverkaufsstellen die Nacht vorher campierenden Menschen zuerst ergattert werden. Das aber Karten für manche Filme offenbar im Online-Vorverkauf gar nicht erst angeboten werden, empfinde ich als Frotzelei am Stammkunden und somit auch an mir.

Wie auch immer: Ein Web-Tagebuch bietet also die Möglichkeit, euch, meine Leser, an meinen Gedankenwelten teilhaben zu lassen, und das ist schon eine wunderbare Errungenschaft. Manche Web-Tagebuchschreiber verfahren mit ihrem Web-Tagebuch so, als handle es sich um eine privat-öffentliche Angelegenheit. Nun gut, wer mag, soll dies tun. Die Chancen auf eine hohe Clickanzahl steigen dadurch exponentiell. Tatsache aber ist, dass ein Web-Tagebuch, insofern es nicht durch ein Passwort geschützt ist, von jedem Menschen gelesen werden kann, der es im Internet-Dschungel entdeckt. Und es sollte sehr wohl darauf Bedacht genommen werden, nicht das eigene Leben detailreich abzubilden. Ein Tagebuch der herkömmlichen Form ist ein persönlicher Ansprechpartner, und in manchen Fällen kann es als literarisch wertvoller Befund den Menschen ans Herz gelegt werden. Ich denke etwa an die Tagebücher von Anne Frank, Viktor Klemperer und Franz Kafka. Ein Internet-Tagebuch als Repräsentationsfläche für intime Details zu benutzen ist sehr fragwürdig. Ich verweigere mich auch erfolgreich, derartige entdeckte Tagebücher dauerhaft zu lesen. Diesbezügliche Einträge können nämlich ganz schön erschreckend sein. So, als ob ein Mensch dich einlädt, durchs Schlüsselloch zu schauen, und dann öffnet er die Tür sperrangelweit.

Und um noch kurz darauf zurückzukommen, ob für mich ein Leben ohne Internet möglich ist? Tut mir leid, ich habe keine Zeit, jetzt noch eine Antwort darauf zu formulieren. Ich habe es eilig. Ich muss nämlich ins Internet. Und das sofort.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

1.10.1958

Heute vor 50 Jahren ereignete sich eine der größten Sensationen der europäischen Fußball-Klubgeschichte. Im Europacup der Meister war der Wiener Sportclub als klarer Außenseiter gegen die damals noch nicht so „alte Dame“ Juventus im Praterstadion aufgelaufen, um den haushohen Favoriten neunzig Minuten lang vorzuführen.

Das unfassbare Ergebnis von 7:0 für den Wiener Sportclub bringt zum Ausdruck, wie krass die Leistungsunterschiede an diesem Tag gewesen sind. Juventus hatte das Heimspiel mit 3:1 gewonnen, und wohl geglaubt, sich im Vorbeigehen für die nächste Runde zu qualifizieren. Aber denkste: Pepi Hamerl sorgte für gleich vier Tore, hinzu kamen zwei des legendären Erich Hof, und ein weiteres durch Karl Skerlan.

Ich besuchte erst knapp 20 Jahre nach diesem legendären Spiel erstmals den Sportclub-Platz und damit begann meine Zuneigung für den Wiener Sportclub. Als kleiner Bub sah ich ein knappes Spiel gegen die Wiener Austria, wo der Gegner erst kurz vor Schluss entweder den Ausgleich oder sogar den Siegestreffer markierte. Viele Jahre später musste ich mich damit anfreunden, dass mein Verein nur mehr in der Wiener Liga spielte. Die Treue zu einem Fußballverein kann sehr stark verankert sein, und so erfreute es mein Herz ganz besonders, als der WSC im Jahre 2001 nach einer erstaunlichen Saison wieder in die Ostliga aufstieg.

Im Jahre 2002 begann dann eine merkwürdige Geschichte ihren Lauf zu nehmen, die ich nicht von Anbeginn verstanden habe. Jedenfalls wurde die Fußballsektion dem WSC ausgelagert, und seitdem spielt ein neuer Verein, der den Namen „Wiener Sportklub“ trägt, in der Ostliga. Eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes der Fußballsektion des Wiener Sportclubs wäre durch eine Einigung mit den Verantwortlichen des Wiener Sportklubs leicht zu erzielen (im Sinne einer Integration des WSK in den WSC). Bislang bleibt diese Einigung jedoch aus.

Die Geschichte des Wiener Sportclubs ist eine ganz besondere. Der 7:0 Sieg im Europacup der Meister gegen Juventus sowie die zwei Meistertitel 1957/1958 und 1958/1959 sind als Glanzpunkte dieses Traditionsvereins anzusehen. Es wäre dem WSC zu wünschen, dass diese Tradition so bald wie möglich fortgesetzt wird.

Was mich an diesem 1.10.2008 besonders freut ist die Tatsache, dass der ORF diesen glorreichen Sieg nicht vergessen hat, und die Geschichte auf http://sport.orf.at/080930-8704/index.html nachgelesen werden kann. Ebenso gibt es einen Artikel auf http://www.laola1.at/135+M5e3370d13a2.html nachzulesen!

Anlässlich des Jubiläums findet heute um 19 Uhr im „Löwenherz“ (Hernalser Hauptstraße 171), eine Festveranstaltung statt, zu der alle Interessierten herzlichst eingeladen sind.


(Dieses Foto zeigt mich in einem Dress des Wiener Sportclub im gekennzeichneten Jahr. Mögen sowohl Polaroid-Fotos als auch die Tradition des Wiener Sportclub nie in Vergessenheit geraten)

Sonntag, 28. September 2008

Wahlanalyse ohne Pfeffer, aber mit Orangen

Ja, es kostet schon ein bisschen Überwindung, die Ergebnisse der Nationalratswahlen in Österreich seriös zu analysieren. Vielleicht braucht es auch gar nicht mal so seriös zu sein…

Meine Wahlprognose war gar nicht mal so daneben. Die „Großparteien“ haben massiv an Zugkraft verloren. Zudem hat ein gewisser Herr Strache Stimmenzuwachs verbuchen können.
Doch diese Aspekte waren nicht schwer hervorzusagen. Deswegen widme ich mich großteils anderen Faktoren.

Leider haben die Grünen ein bisserl im Vergleich zur letzten Wahl verloren. Da sich die LIF wenige Tage vor der Wahl quasi selbst ein Haxel gestellt hat (ich behielt also auch mit der Prognose recht, dass die LIF den Einzug in den Nationalrat deutlich verfehlt), war die Vorstellung einer Ampel-Koalition eine unmöglich zu realisierende „Zukunftsvision“.

Die altväterische Art von Van der Bellen, und die Selbstdemontage des LIF ergaben in Summe zwei Ampellichter, von denen eines nur schwach leuchtet und das andere vom Strom genommen wurde. Faymann wirkt zu lehrbubenhaft, woran seine Präsenz im größten Kleinformat Österreichs nichts ändert. Molterer wiederum konnte mit seinem „Wunsch“, Erster zu werden, im besten Fall für ein paar Lacher sorgen. Strache polterte die üblichen Parolen.

Aber es gab eine Überraschung, die ich in meiner Prognose nicht einkalkuliert hatte. Die beschriebenen Gewinne und Verluste von Parteien folgten einer gewissen Logik, doch Herr Dr. Haider scheint plötzlich wieder über Kärnten hinausgehend Zugkraft zu haben. In Kärnten liegt die BZÖ jetzt wieder deutlich vor der SPÖ, aber dieser gesamtösterreichische eklatante Stimmenzuwachs im Vergleich zu 2006 stellt selbst den selbstherrlichen Herrn Strache in den Schatten, der in Anlehnung an einen langjährigen Mascherl-Träger der Vorstellung, als Vertreter der drittstärksten Partei im Bunde Bundeskanzler zu werden, einiges abgewinnen kann.

Insbesondere bei der „Elefantenrunde“ stellte Haider seinen „Kontrahenten“ Strache ganz klar in den Schatten. Ein möglicher Vizekanzler Strache wurde kurioserweise durch Haiders BZÖ verhindert. Rot/Schwarz unter Faymann/Pröll wird am Stillstand nur wenig ändern. Rot/Blau aber wäre zum Treppenwitz der Geschichte geworden. Herrn Dr. Haider sei Dank, dass anstatt einer politischen Langeweile und Bierzeltniveau wahrscheinlich nur die Langeweile übrig bleiben wird.

Eine Option neben den „Standardoptionen“ wurde nicht erwähnt. Zumindest habe ich darüber kein Wort gehört. Da sowohl Faymann als auch Van der Bellen mit der BZÖ nicht zusammenarbeiten können bzw. wollen (wurde jedenfalls so artikuliert), ist an eine Ampel SPÖ/GRÜNE/BZÖ kein Gedanke verschwendet worden. Tatsächlich ist der Kurs von Haider um einiges gemäßigter als jener von Strache, sodass durchaus einige Schnittpunkte zwischen den Vorstellungen dieser drei Parteien für die Zukunft Österreichs existieren mögen. Zudem hat Haider von seinen Versäumnissen der Vergangenheit gelernt, und warum sollte er bundespolitisch immer an der Kette gehalten werden?

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass meine Wahlprognose in diesem Falle weitgehend eingetroffen ist. War aber wie geschrieben keine Hexerei. Das ständige Gequassel von Strache punkto „Ausgrenzung“ holt keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Die Qual der Wahl hat wieder mal zu einer Situation geführt, die für die Bürgerinnen und Bürger Österreichs alles andere als rosig ist. Es wäre sicher hilfreich gewesen, wenn nicht so viele frustrierte oder an Politik desinteressierte Menschen den Gang zur Wahl boykottiert hätten…

Sehr nachdenklich stimmt zudem, dass die FPÖ bei den jüngeren Wählern bis zum Alter von 30 Jahren die Nase vorn haben.

Quo vadis Österreich?

Mittwoch, 24. September 2008

Wahlprognose und "Wunschdenken"

Wenige Tage vor den Nationalratswahlen in Österreich sind alle möglichen Wahlprognosen im Umlauf. Nur selten verhält es sich so, dass diese Prognosen auch nur annähernd eintreffen.

Ich mache mal eine Probe aufs Exempel und gebe meine höchstpersönliche Wahlprognose ab. Inwiefern diese vom Ergebnis abweicht, werde ich bald wissen.

Hier nun die nackten Zahlen:

SPÖ 29,0 %
ÖVP 28,5 %
FPÖ 17,5 %
GRÜNE 12,5 %
BZÖ 8,0 %
LIF schafft den Einzug in den Nationalrat nicht (2,5 %)

Und was wäre für Österreich eine gute Option? Welches Ergebnis könnte den Stillstand aufheben, und mehr Farbe ins Spiel bringen?

SPÖ 30 %
ÖVP 25 %
FPÖ 16 %
GRÜNE 15 %
BZÖ 6 %
LIF 5,5 %


Aller guten Dinge sind drei, und darum zum Abschluss noch der Mix aus höchstpersönlicher Wahlprognose und "Wunschdenken":

SPÖ 29,5 %
ÖVP 26,75 %
FPÖ 16,75 %
GRÜNE 13,75 %
BZÖ 7 %
LIF 4 %

Konkrete Ergebnisse folgen später. Wahlanalyse nicht ausgeschlossen.

Mittwoch, 17. September 2008

Paralympics-Tagebuch, Teil 2: Resümee

Die paralympischen Spiele haben aus österreichischer Sicht mit einem Sieg in einer der Königsdisziplinen geendet. Thomas Geierspichler hat im Rollstuhl-Marathon die beiden Japaner in Schach gehalten, und die vierte Goldmedaille für Österreich geholt.

Hervorzuheben ist weiters die Goldmedaille für Andreas Vevera im Tischtennis. Bis zu einem schrecklichen Unfall agierte der erfolgreiche Sportler beim WSC als Stürmer. Ein vielversprechendes Talent, das nunmehr im Behinderten-Sport Akzente setzt. Leider hat es im Teambewerb für ihn und seinen Partner nur zu Platz 4 gereicht.

Wie der intensiven Berichterstattung von ZDF und ARD zu entnehmen war, ist die Berichterstattung zehn Mal so hoch gewesen wie noch vor vier Jahren. Leider verhielt es sich so, dass zahlreiche Entscheidungen überhaupt nicht im Bild zu sehen waren, worauf die deutschen Sendeanstalten jedoch keinen Einfluss hatten. Im österreichischen Fernsehen habe ich nur extrem kurze Bildberichte gesehen, und weiters auch bislang keine Stellungnahme auf meine Anfrage erhalten.

Besonders spannend fand ich die Wettkämpfe im Rollstuhl-Rugby. Da ging es mit voller Kraft voraus, und insbesondere die Australier hatten eine Trumpfkarte in der Hand. Ein junger Mann namens Batt sorgte mit Einzelaktionen fast im Alleingang für Siege am laufenden Band. Erst im Finale gegen die US-Amerikaner wurde er in die Schranken gewiesen, sodass für Australien nur Silber herausschaute.

Die Sportler zeigten sich begeistert von der Atmosphäre und der Organisation. Das Veranstalterland eroberte doppelt soviel Goldmedaillen wie die im Medaillenspiegel zweitplazierten Briten. Waren dies tatsächlich die bislang besten und imposantesten paralympischen Spiele der Geschichte? Es bleibt der Wermutstropfen, dass die Herstellung von optimalen Bedingungen für die Sportler im Sinne des Behinderten-Sportes nur für diese paralympischen Spiele herangezogen wurde. Die zuvor stattfindenden olympischen Spiele waren dadurch gekennzeichnet, dass fast oder gar keine Menschen mit Handikap im olympischen Dorf, im Umkreis und scheinbar auch in der Stadt Peking aufzufinden waren. Sie blieben also irgendwo am Rand, und durften erst bei den paralympischen Spielen in Erscheinung treten.

Die Förderung von Menschen mit Handikap sollte eine Selbstverständlichkeit darstellen, und sich nicht nur auf den Sport (und da auch bei weitem nicht immer) reduzieren. Es gilt, viel mehr Möglichkeiten anzubieten, welche diesen schicksalsbehafteten Menschen Förderungen zuteil werden lassen. Das Angebot ist aus finanziellen Gründen beschränkt, und Einzelbetreuung etwa in Österreich eine Seltenheit.

Die quasi Nicht-Berichterstattung anlässlich der paralympischen Spiele 2008 seitens des ORF ist nicht nachvollziehbar.

Dienstag, 16. September 2008

Der Schüler Gerber


Heute ist der 100. Geburtstag von Friedrich Torberg, wobei der Autor diesen Festtag nicht erleben darf.

Ich verbinde mit dem begnadeten Schriftsteller in erster Linie seinen in sehr jungen Jahren geschriebenen Roman „Der Schüler Gerber“. Diese ausgezeichnete Geschichte stellt die Repressalien dar, der ein junger Mann in der Schule ausgesetzt ist. Ein Lehrer namens Kupfer setzt den Schüler Gerber so sehr unter Druck, dass er schließlich als letzten Ausweg den Selbstmord wählt.

Was in der Lebenswelt von Friedrich Torberg Lehrer gewesen sein mögen, die einen „Göttlichkeitsstatus“ aufweisen konnten, hat sich heutzutage längst in eine andere Richtung entwickelt. Nicht wenige Lehrer klagen jetzt über Handgreiflichkeiten und Psychoterror von Schülern. Schon zu meiner Schulzeit gab es immer wieder grobes Fehlverhalten von Zöglingen zu beobachten, die insbesondere Schüler piesackten, welche auf irgendeine Weise nicht in die Gesamtstruktur der Klassengemeinschaft passen sollten. Eine weitere Steigerung der Vorgangsweisen desillusionierter Schüler ist längst an der Tagesordnung.

Mobbing gegenüber Klassenkameraden, das oft dahin führt, dass die betroffenen Schüler gar nicht mehr die Schule besuchen wollen, ist keine Seltenheit. In einer Konsumgesellschaft, die Markenartikel zu Götzen erhebt, ist jeder noch nicht ausgewachsene Mensch als „Verlierer“ anzusehen, der bei der Kultivierung des Konsums nicht mitmacht oder – was wohl häufiger vorkommt – nicht mitmachen kann.

Die strenge Hand eines Lehrers, der ungehorsamen Schülern Strafen auferlegt, würde heutzutage für einen Skandal sorgen. Erst gestern aber wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei vielleicht 13-jährigen Mädchen, die sich gegenseitig schimpften und niedermachten, dass es eine „helle Freude“ war. Offenbar der übliche Ton, und nur eine Vorstufe der viel später möglichen Eskalation.

Friedrich Torberg, der auch ein ausgezeichneter Wasserballer bei der Hakoah war, bräuchte sich Anfang des 21. Jahrhunderts keine Sorgen darüber zu machen, gesellschaftsrelevante Themen aufzuzeigen. Der Irrsinn des Konsumismus, und die schon in Schüler-Köpfen eingeschraubte Vergötzung von Konsumgütern führt zu unfassbaren Zuständen in zahlreichen Schulen nicht nur in Österreich. Es gibt auch schon Sachbücher zu dieser Thematik, doch ein Roman, der in diesem Milieu spielt, und den Wahnsinn literarisch darstellt, könnte wohl nur Friedrich Torberg in angemessener Art und Weise gelingen.

Mit „Der Schüler Gerber“ hat er einen grandiosen Roman hinterlassen.

Montag, 15. September 2008

Paul Auster in Wien und ich gehe nicht hin!

Ich wurde in den letzten Tagen gleich von zwei netten Damen darauf hingewiesen, dass Paul Auster am 1. Oktober für eine Lesung in Wien auftritt. Vor einigen Monaten hätte ich noch davon geträumt, meinen Lieblingsautor live on stage zu sehen und zu hören, und nun…

war ich in Prag, habe ihn gleich drei Mal gesehen (davon einmal eine gute Stunde aus nächster Nähe), und werde diese Eindrücke wohl nie vergessen! Die besondere Atmosphäre eines kleinen Theaters lässt sich nicht mit dem aufgebrezelten Ronacher vergleichen.

Laut neuester Informationen verhält es sich so, dass die deutsche Übersetzung des neuesten Romans von Paul Auster „Man in the dark“ am 1. Oktober erscheinen soll? Zufall? Durchaus möglich. Für Paul Auster ist Zufall ein besonders wichtiges Thema, das er meisterlich darzustellen vermag.

Der 1. Oktober 2008 hat übrigens eine ganz spezifische Bedeutung. Darüber werde ich einiges zu erzählen haben. Mit Paul Auster hat es definitiv nichts zu tun.

Donnerstag, 11. September 2008

Paralympics-Tagebuch, Teil 1: Versäumnisse

Schon zum 13. Mal finden dieser Tage paralympische Spiele statt. Der ORF hat jeden Tag bis zum Abwinken von den kürzlich zu Ende gegangenen olympischen Spielen in Peking berichtet. Die in der gleichen Stadt stattfindenden paralympischen Spiele werden jedoch weitgehend übergangen.

Die nahezu völlige Ignoranz der paralympischen Spiele wirft die Frage auf, was sich der ORF dabei gedacht hat? Es geht nicht unbedingt darum, täglich mehrere Stunden zu berichten, aber so gut wie nichts zu zeigen? Geht es um Geld? Geht es darum, dass es der ORF versäumt hat, die Rechte der Ausstrahlung zu sichern oder geht es um andere Hintergründe? Vielleicht bekomme ich ja die Antworten darauf vom ORF selbst…

Wer Interesse für den Behinderten-Sport hat, ist aber nicht auf verlorenem Posten. Das ZDF berichtet nämlich täglich – abwechselnd mit der ARD – von den paralympischen Spielen. Jedoch ist der Fokus zu 95 % auf die deutschen Sportlerinnen und Sportler gesetzt. Es wäre wünschenswert, dass die Finali der Leichtathletikwettbewerbe, und ebenso jene im Blindenfußball, Rollstuhl-Basketball, Rollstuhl-Tennis und Rollstuhl-Tischtennis meinetwegen auch zeitversetzt gezeigt werden. Da ich ja nicht ständig vor der Glotze sitze besteht freilich die Möglichkeit, dass das Eine oder Andere ohnehin im Bild zu sehen war oder zu sehen sein wird.

Die Regeln in vielen Sportarten sind nicht nachvollziehbar. So gewinnt oft nicht jener Sportler, der eigentlich die beste Leistung vollbracht hat. Da verschiedene „Behinderten-Kategorien“ zusammengefasst sind, gibt es prozentuelle Auf- oder Abschläge, was nicht selten zu Verwirrung führt. Ein im Rollstuhl sitzender Diskuswerfer kann etwa Gold gewinnen, obzwar ein mit Prothesen agierender Kontrahent den Diskus fast doppelt so weit geschmettert hat…
Abgesehen von diesen Ungereimtheiten und der Tatsache, dass Peking erst anlässlich der paralympischen Spiele behindertengerecht gestaltet wurde (während der olympischen Spiele sollen überhaupt keine Menschen mit Behinderung dort gesichtet worden sein…), ist es allemal wunderbar, dass es die paralympischen Spiele gibt. Die unglaubliche Verbissenheit und das Siegen-Müssen, welches bei nichtbehinderten Sportlern oft obligatorisch ist, hat im Behinderten-Sport eine weitaus schwächere Ausprägung.

Falls ich Antwort vom ORF bekomme, werde ich davon berichten.

Donnerstag, 4. September 2008

Zentralfriedhofs-Führer

Der Wiener Zentralfriedhof eignet sich hervorragend zum Flanieren, zum Innehalten vom Trubel des Alltags und Berufslebens. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu entdecken. Die meisten Touristen und Friedhofsgänger beschränken sich auf die Ehrengräber, als hätte der Zentralfriedhof sonst nichts zu bieten. Aber so ist es nicht und kann es freilich nicht sein! Jeder Friedhofsbesucher kann den Zentralfriedhof auf individuelle Weise entdecken, und ich möchte mit diesem Friedhofsführer Anregungen zu individuellen Entdeckungsreisen geben.

Bestellbar über

http://www.amazon.de/o/ASIN/3940921483/028-0234078-1818157?SubscriptionId=0HWY02BHF2XQRSDYSG02 und

http://www.tredition.de/books/ID394?PageMethod=OpenCreation&creationId=394

Der am 16.2.2008 veröffentlichte Zentralfriedhofs-Führer ist zu meiner Freude seit Anfang an (mit einer nur sehr kurzen Unterbrechung) bis jetzt in den Top 10 der Verkäufe (Print books) des Publikationsnetzwerkes Tredition zu finden. Das macht Mut für weitere Sachbuch-Projekte!

Mittwoch, 3. September 2008

Was wäre, wenn

Plakate, Diskussionen im Fernsehen und zahlreiche Beiträge und Interviews in Qualitätszeitungen oder auch Schundblättern machen den letzten Eremiten in Hintertupfing darauf aufmerksam, dass Wahlkampf ist. Und es soll nicht vom US-amerikanischen Duell die Schreibe sein, sondern von der österreichischen Variante.

Ja, was wäre, wenn…

es zu einem „Überraschungsergebnis“ kommt, und die GRÜNEN deutlich zweistellig werden, das LIF locker den Einzug in den Nationalrat schafft (5 % Minimum), und Faymann den D-Bonus ausspielt und an die 35 % erreicht? Ja, dann wäre tatsächlich die Möglichkeit einer Ampelkoalition ROT-GRÜN-LIBERAL im Raum stehend. Nach sechs Jahren misanthropischer „Regierungsarbeit“ unter SCHWARZ-BLAU und nachfolgendem zweijährigem Stillstand könnte also vielleicht sogar etwas weiter gehen. Nur WAS wäre tatsächlich umsetzbar, und welchen „Umsturz“ mag es dann im Laufe nur weniger Jahre geben?
… eine Grundsicherung, die diesen Namen auch verdient
… ein humanes Fremdenrecht
… Schaffung von sinnvollen Jobs bzw. Umschulungsmöglichkeiten für Erwerbsarbeitslose nach deren Vorstellungen
… bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für in Pflegeberufen tätige Menschen
… umfassende – auch soziale – Betreuung für alte, schwer kranke, bettlägrige Menschen in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern
… Aufwertung von ehrenamtlicher Arbeit, und der Arbeit von Hausfrauen und alleinerziehenden Müttern/Vätern in Form von Bonifikationen
… monetäre und soziale Unterstützung von Menschen, die Angehörige pflegen
… Umstrukturierung der Lehrpläne aller Schultypen (weg mit dem unnötigen Ballast!) inklusive einer deutlichen Anhebung sportlicher Betätigung der Schülerinnen und Schüler
… und noch vieles mehr…

Was hier mit ein paar essenziellen Punkten angedeutet wird, mag für viele Menschen in Österreich – zumindest teilweise – eine Wunschvorstellung sein. Aber wäre es – im Fall des Falles – wirklich möglich, dass auch nur drei oder vier der erwähnten Punkte erfüllt werden?

Tja, und was wäre wenn…

das Szenario eintritt, das keine der beiden stimmenstärksten Parteien (voraussichtlich SPÖ und ÖVP) einen deutlichen Stimmenvorsprung erzielt, und zudem die FPÖ deutlich an Stimmen gewinnt? Käme es dann zu einer Wiederauflage des Irrsinns ÖVP/FPÖ oder doch nur wieder zum Stillhalteabkommen SPÖ/ÖVP oder ÖVP/SPÖ? Ja, und ein weiteres Horrorszenario wäre noch SPÖ/FPÖ.

Nur im Falle von SPÖ/FPÖ wäre ein absurder Umsturz denkbar. Die anderen Szenarien gab es schon, und da würde der Status quo nur beibehalten werden, was im Endeffekt ein paar verlorene Jahre wären.

Also, was wäre wenn SPÖ/FPÖ sich zusammenfinden würden?

… leichte Adaptionen des Fremdenrechts (die Richtung, tja…)
… die K-Zeitung als Polit-Barometer für einen längeren Zeitraum mit neuen Kolumnisten, die immer schon wussten, wie der Hase läuft
… Änderung des Strafrechts (die Richtung, tja…)
… kuriose Annäherungen in noch nicht bekannten Themata

Mehr will mir nicht einfallen. Eine schwarz-grüne Minderheitsregierung wird es wohl nicht spielen, und ob es da Gemeinsamkeiten gibt, na ja…




nicht wirklich…

Was wäre, wenn…

diese Wahl sowieso und überhaupt nichts ändern wird, sondern die Wirtschaft weiter das Sagen hat, und die Politik brav mitzieht? Das ist nicht mal eine Behauptung, da es den Tatsachen entspricht. Einen echten UMSTURZ kann es nur von unten nach oben geben, wenn die Menschen den Schwachsinn nicht mehr schlucken wollen, der von der Wirtschaft vorgegeben wird. Ja, eine ECHTE CHANCE kann sich nur ergeben, wenn Parteipolitik nicht als Maß aller Dinge gesehen wird. Wobei es freilich immer auch schlechter werden kann.

Was wäre, wenn…

die Bürgerinnen und Bürger Österreichs eine reine Protestwahl bestreiten würden, und ein unfassbares Ergebnis zustande kommt, das entweder SPÖ/GRÜNE/LIF zu einer Ampelkoalition machen könnte, oder aber eine der Kleinparteien als optionalen Koalitionspartner leuchten lassen mag? (BZÖ nehme ich aus dieser Berechnung heraus)

Fast alle Menschen wünschen sich, dass sich etwas ändert, aber wenn immer nur so gewählt wird, dass das Bestehende nur leicht adaptiert wird, bleibt alles beim Alten. Dieses Szenario sind die Österreicherinnen und Österreicher gewöhnt, und eine „Überraschung“ wäre es wohl nicht.

Doch was wäre, wenn…

endlich ein DEUTLICHES Zeichen der Gesamtbevölkerung im Sinne von –

JETZT IST ES ENDLICH AN DER ZEIT, DASS…

gesetzt wird? Am 28.9. werden wir es sehen…

Dienstag, 2. September 2008

Schulbeginn

Gestern hat in Wien wieder mal die Schulsaison für zahlreiche junge Menschen begonnen. Einige tausend in Österreich lebende Erdenbürger haben den allerersten Schultag hinter sich gebracht. Ein Zufall brachte es mit sich, dass ich gegen zehn Uhr vormittags einigen Kindern mit Schultüten begegnete, welche teilweise sogar von beiden Elternteilen begleitet waren.

Hervorstechend eine mickrige Schultüte im Besitz eines Knaben, dessen Mutter sich in hochhackigen Markenschuhen vorwärts quälte. Der Knabe machte keinen glücklichen Eindruck, dafür knickte Madame bei fast jedem Schritt ein. Oh, wie werden sich da die Muskeln freuen!

Was aber wird die Mädchen und Knaben erwarten, die erst gestern in das Schulleben eintraten? Hat die Lehrerin oder der Lehrer auch auf ihre Tafel gleich in der ersten Stunde geschrieben: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“ Wäre schön, wenn es wahr wäre. Aber was heißt Leben? In erster Linie, worüber die kleinen Menschen glücklicherweise noch nicht ausreichend Bescheid wissen, Erwerbsarbeitsleben. Die Arbeitsgesellschaft wird frühestens in 9, spätestens in vielleicht 20 Jahren in den meisten Fällen ihren Tribut von ihnen fordern. Dann werden sie vielleicht einmal genug Geld haben, um der Gattin Markenschuhe oder dem Ehemann eine goldene Krawattennadel zu schenken! Sind das nicht fantastische Aussichten?

Das Leben besteht nicht nur aus Erwerbsarbeit, aber darauf werden die jungen Menschen tatsächlich über Jahre vorbereitet. Schließlich bedarf es dem Gelderwerb, um überhaupt über die Runden kommen zu können. Leistung hat aber mit der Höhe des Einkommens schon lange nichts mehr zu tun, wenngleich es auch in diesem Zusammenhang noch Ausnahmen geben mag. Und der beste Schüler kann später auf der ganzen Linie – scheinbar – „scheitern“, wenn er nicht die richtigen Freunde hat, und Bedacht darauf legt, Seilschaften aufzubauen. Der schlechteste Schüler aber kann voll durchstarten, wenn das Gegenteil der Fall ist oder überhaupt der Papa oder (im Sinne der Gleichberechtigung) die Mama alles richten wird.

Die jungen Menschen lernen nur wenig von der Realität, wie sie auf der Welt nun mal gegeben ist. Sie werden nur darauf hin „geschult“, sich anzupassen, und die geltenden Regeln einzuhalten. Das Ergebnis ist bekannt: Die Arbeitsgesellschaft mit ihren Regeln bestimmt für die meisten Menschen ihr Leben. Aber muss das sein? Wäre doch toll, wenn die Schülerinnen und Schüler tatsächlich für das Leben lernen könnten! Für ein Leben, das nicht nur darauf ausgerichtet ist, in die Position zu kommen, ein zahlungskräftiger Konsument zu sein.

Freitag, 29. August 2008

Das nahende Ende der Nuller-Jahre

Wer in Wien in der Innenstadt unterwegs ist, kann in vielen Geschäften bereits Kalender des Jahres 2009 erwerben. 2009 wird das letzte Jahr der sogenannten Nuller-Jahre sein. Ein bekannter Radiosender kündigt sein Programm – noch – mit den absurden Worten an:
„Die besten Hits der 80´er, 90´er und von heute.“ Für die Nuller-Jahre hat der Sender also keinen Begriff bzw. will nicht auf das Naheliegende zugreifen. Tatsächlich sind die Nuller-Jahre insbesondere aus österreichischer Sicht sehr mager verlaufen.

Natürlich ist Österreich nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt. Doch das Zustandekommen einer rechtskonservativen Regierung mit extremen rechten Ausläufern betrieb sechs Jahre lang eine menschenverachtende Politik, die nur Unternehmern und „erfolgreichen“ Eigendarstellern etwas für das Säckel gebracht hat. Die Schere zwischen Arm und Reich ging weiter auf, prekäre Jobs wuchsen wie die Schwammerln, Unternehmensgewinne detto und von einer Lohnerhöhung bekamen nur Mitarbeiter der Industrie und staatsnaher Betriebe etwas mit. Eine Politik zum Vergessen, deren „Wirkungen“ bis heute und darüber hinaus spürbar sind.

Durch einen „Gewinn“ der Wahl mit hauchdünnem Vorsprung war es einem gewissen Herrn Gusenbauer möglich, sich zum Kanzler zu küren. Das wollte die Gegenseite nicht auf sich sitzen lassen, und blockierte jede mögliche Innovation in welche Richtung auch immer. Nach sechs Jahren unerträglicher „Regierungsarbeit“ folgten zwei Jahre des nahezu völligen Stillstands. Die Nuller-Jahre mögen den meisten Österreicherinnen und Österreichern in diesem Kontext sauer aufstoßen. Auch vom Jahr 2009 kann nicht wirklich viel erwartet werden. Somit werden die Nuller-Jahre in realpolitischer Hinsicht als salto nullo in Erinnerung bleiben. Die Behauptungen diverser Minister und Regierungsmitglieder, es habe einen „Fortschritt“ gegeben sind ebenso absurd wie die ständig auftauchenden Statistiken über die Arbeitslosenzahlen.

Sind diese Nuller-Jahre verflucht? Ich persönlich kann auch nicht behaupten, besonders verwöhnt worden zu sein. Klarerweise sollte die Lebenssituation nicht mit dem Leben verwechselt werden. Dennoch ist es wenig erbaulich, Erfahrungen zu machen, die das frühere Weltbild stark relativieren. War früher alles besser, also in den berühmten 70´er, 80´er und 90´er Jahren? Würde ich nicht unterschreiben, aber das jetzt „etablierte“ Gesellschaftsklima scheint nur mehr von der Sorge um oder den Verlust des Arbeitsplatzes bestimmt zu sein. Die Arbeitsgesellschaft hat in den Nuller-Jahren enorm an Zugkraft gewonnen. Das Erwerbsarbeit mit Leistung nicht in direktem Verhältnis steht sollte den meisten Menschen bewusst sein. Warum also nicht die Idee verwirklichen und ein Grundeinkommen einführen? Oder der ehrenamtlichen Arbeit endlich jene Bedeutung zuerkennen, die sie verdient?

Was wird der Radiosender ab dem Jahr 2010 verkünden? „Die besten Hits der 80´er, 90´er, der letzten 10 Jahre und von heute!“ (?) Die „Vordenker“ werden sich etwas überlegen müssen. Und der Stehsatz „XX bei der Arbeit“, der suggeriert, es wäre hauptsächlich die erwerbstätige Bevölkerung, die den „Hits“ zuhören mag, ist auch schon Schnee von gestern. Welche Arbeitnehmer - außer einer kleinen Minderheit - hat Zeit und Muse, jeden Tag dem Kaffeeklatsch dieses Radiosenders zuzuhören?

Also, es ist keineswegs „traurig“, dass die Nuller-Jahre, von denen kaum mal wer öffentlich gesprochen hat, bald dem Ende zugehen. Vielleicht geht es danach aufwärts. Nicht nur für Österreich, sondern weltweit. Denn was die meisten Menschen der Entwicklungs- und Schwellenländer in diesen Nuller-Jahren mitmachen mussten und müssen, darüber könnten ein paar Tausend Romane geschrieben werden, die Unfassbares darstellen…

Sonntag, 24. August 2008

Olympia-Tagebuch, Teil 4: Resümee

Sehr viel ist im Vorfeld über die olympischen Spiele in Peking berichtet worden, und jetzt, wo die Veranstaltung zu Ende gegangen ist, ist es nicht allzu schwer, ein Resümee zu ziehen.

In sportlicher Hinsicht gab es eine Menge Rekorde. Allen voran Usain Bolt, der über die 100 Meter und die 200 Meter laufend Fabel-Weltrekorde aufstellte. Die 100 Meter-Zeit war weniger verwunderlich als die Verbesserung des Weltrekordes von Michael Johnson über die 200 Meter, welche der US-Amerikaner direkt im „Vogelnest“ mitbekam. Usain Bolt ist ein Läufertyp, der – scheinbar – eine unübliche Athletik aufweist, und wohl gerade deswegen als läuferisches Phänomen gelten mag.

Michael Phelps, der schwimmende Hüne, gewann acht Mal Gold, und übertraf also die Medaillenanzahl von Mark Spitz. Im Schwimmen sind aufgrund der Vielzahl der Wettbewerbe mehr Medaillen möglich als in anderen Sportarten. Dennoch ist die Leistung von Michael Phelps auch als überragend zu bezeichnen. Ein Vergleich mit Mark Spitz ist jedoch nicht wirklich angebracht, da sich die Zeiten geändert haben, und so manche Schwimmdisziplin zu Spitz Zeiten noch gar nicht ausgetragen wurde… Nun gut, Phelps kann sich über eine Million Dollar Gage freuen, wobei er seinen Staffelkameraden einen Teil von diesem Geld abgeben mag…

Es war wieder mal ein besonderer Genuss, die Kommentare von Siggi Bergmann zu den Box-Wettkämpfen zu hören. Nicht nur im Boxring, auch bei anderen Kampfsportarten und einigen anderen Bewerben, wo Kampfrichter Bewertungen abgeben, wurden zu einem beträchtlichen Teil fragwürdige Entscheidungen gefällt.

Ein Niederösterreicher gilt nun als stärkster Mann der Welt, und er hat dieses Attribut als „Deutscher“ errungen. Spielt aber keine Rolle, denn entscheidend ist, dass der Mann wohl mehr als viele andere Athleten mit voller Kraft und letztem Einsatz bereit war, diese Medaille zu holen, die er seiner Frau versprochen hatte… Er präsentierte die Medaille gemeinsam mit einem Foto seiner an den Folgen eines Autounfalls verstorbenen Frau.

Aus österreichischer Sicht haben sicher einige Sportlerinnen und Sportler enttäuscht. Drei Medaillen sind nicht unbedingt eine enorme Ausbeute, und dann nicht mal eine einzige aus Gold. Doch spielt das irgendeine Rolle im Weltgeschehen? Ich habe mit ungezügelter Freude die Wettbewerbe verfolgt – egal, ob Österreich eine Rolle spielte oder nicht. Wobei der vierte Platz im Teambewerb der Männer im Tischtennis wohl als herausragendste Leistung bezeichnet werden kann. Es war nur der schlechten Auslosung zu „verdanken“, dass es zu keiner Medaille reichen konnte. Dennoch fantastisch, insbesondere Robert Gardos zuzusehen, der den Ex-Weltmeister besiegte.

Abseits vom Sport wurde viel Theater veranstaltet. Die Menschenrechts-Situation in China kam nie in den Fokus der Berichterstattung, und einige Tibet-Aktivisten verschwanden schnell von der Bildfläche. Jedoch ist diesbezüglich China nicht der einzige Staat, der sich allerlei Menschenrechts-Verletzungen schuldig macht. Zweifellos ist China in punkto Todesstrafe „Vorreiter“, und Kinderarbeit ist weit verbreitet. Doch gilt es, die grundlegenden in vielen Ländern auf der Welt vorherrschenden „Gesellschafts-Regeln“ zu hinterfragen. Die Globalisierung fordert viel mehr Opfer als „Gewinner“. Und der Neoliberalismus ist insgeheim längst als gescheitert zu betrachten, außer seine Aufgabe besteht ausschließlich und zielgerichtet darin, die Schere zwischen Arm und Reich ständig größer zu machen.

In Peking stand – und das zu Recht – der Sport im Mittelpunkt. Und zwei Aspekte sind zu beachten: Um dieses Event überhaupt zu ermöglichen, war enorm viel Vorarbeit notwendig, die auch Menschenleben kostete (zu Tode gekommene Arbeiter am „Vogelnest“), und unglaublich viel Geld verschlang. Zudem war eine große Menge ehrenamtlicher Helfer bereit, diese olympischen Spiele mit unermüdlichem Einsatz zu unterstützen. Ehrenamtliche Helfer, die kaum Geld sahen, während so mancher Sportler mächtig abkassierte. Auch hier zeigt sich also buchstäblich die „Kehrseite der Medaille“.

Donnerstag, 21. August 2008

1968




© Milena Findeis (mit freundlicher Genehmigung)


© Milena Findeis (mit freundlicher Genehmigung)

Heute vor 40 Jahren, also am 21. August 1968, wurde die tschechoslowakische Reformbewegung von Panzern des Warschauer Paktes niedergewalzt. Die Bilder davon sind bekannt, und ich will hier keinen historischen Rückblick schreiben.

Für mich ging Anfang Juni ein Traum in Erfüllung. Ich traf beim 18. Prager Autorenfestival auf meinen Lieblings-Autor Paul Auster. Als Journalist akkreditiert wäre es mir leicht möglich gewesen, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, doch ich entschied mich dagegen. Wenn ich schon einmal die Möglichkeit habe, an insgesamt drei Tagen auf meinen Lieblings-Autor zu treffen, dann will ich mich nicht als Journalist mit ihm unterhalten. Einige Redakteure liefen auf und ab, scherzten mit den Autorinnen und Autorinnen, als ob es für sie eine Selbstverständlichkeit wäre, im gleichen Fahrtwasser zu fischen. Ich sehe das nicht so. Ein Journalist ist dazu da, zu recherchieren, zu beobachten und zu beschreiben, was er sieht und erkennt. Die von Siri Hustvedt an einen selbstverliebten Journalisten überreichten Blumen sind so etwas wie ein Symbol für die Fragwürdigkeit der „Balance“ zwischen Autoren und Journalisten. Möglicherweise gab es ja Interviews oder lockere Zusammentreffen zwischen den beiden. Aber dann gleich die Weitergabe eines Geschenkes an einen Journalisten?

Ich beobachtete das Szenario, und Paul Auster war genau so, wie ich ihn mir vorstellte. Zurückhaltend, ruhig, kein Wort zuviel, ein ausgezeichneter Rezitator, Pazifist und nahm sich selbst nicht allzu wichtig. Eine gute Stunde saß ich in unmittelbarer Nähe zu ihm und seiner Frau Siri. Ich war hingerissen, und als er dann auch noch einen Eintrag in ein rotes Notizbuch schrieb…

Das Prager Autorenfestival hatte ein Hauptthema, und das war dem Jahr 1968 geschuldet. Es gab Themenabende, Diskussionen und Lesungen. 1968 aus tschechoslowakischer Sicht ist allgemein bekannt, aber dieses Jahr aus russischer und amerikanischer sowie mexikanischer Sicht ist eine andere Baustelle. Für Paul Auster war 1968 ein Jahr, in dem er mit dem Schreiben ein wenig ernst machen wollte. Er war noch sehr jung, und Vietnam stand im Mittelpunkt seines Interesses. Als Pazifist – ebenso wie Michael McClure – sprach er insbesondere von seinen diesbezüglichen Eindrücken. 1968 änderte vieles, und die unfassbaren Ereignisse in Prag ließen niemanden kalt. Die Diskussionen waren teilweise sehr heftig, weil keineswegs alle Autorinnen und Autoren einer Meinung sein wollten. Somit ergab sich die Kuriosität von Zurechtweisungen, eindimensionalen Ansichten und Disputationen.
Souverän wirkten neben Paul und Michael Margaret Atwood und die russische Autorin Elena Schwarz. Die imposanteste Lesung lieferte Günter Kunert ab, der das Publikum zu Lachstürmen reizte.

Nunmehr steht das Jahr 1968 kurzfristig medial im Mittelpunkt. Das Prager Autorenfestival ist über die Allgemeinplätze hinausgegangen, und hat diese Zeit mehrdimensional beleuchtet. Ein Festival, das ich nie vergessen werde. Auf http://www.pwf.cz/en/home-page/ sind einige Videos der Veranstaltung zu sehen.

Dienstag, 19. August 2008

Straßenbahn-Fahrt im Bild




Schon seit längerer Zeit sind auf einem österreichischen Spartensender Straßenbahn-Fahrten zu sehen. Immer wieder im Bild ist die Route der Linie 71, mit der ich fast täglich unterwegs bin. Es ist eine ungewöhnliche Idee, die hier verwirklicht worden ist. Die Frage ist nur, wie viele Menschen sich eine Stunde lang dieser Meditation hingeben?

Auffällig ist, dass der Aufenthalt in den Stationen so kurz wie möglich gehalten ist, und gleich nach Erreichen der Endstelle die Weiterfahrt in die andere Richtung erfolgt. So etwas ist in der Realität nicht gegeben. Überhaupt lassen die Straßenbahn-Intervalle – insbesondere der Linie 71 – zu wünschen übrig. Für den Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel sind die Aufzeichnungen von Straßenbahn-Fahrten eine willkommene Möglichkeit, eine andere Sichtweise auf die Normalität zu bekommen. Besonders interessant mögen diese Eindrücke jedoch für Touristen sein, insofern sie den Spartensender in ihren Hotels und Pensionen empfangen können.

Immerhin sind im Rahmen der Straßenbahn-Fahrt der Linie 71 einige Attraktionen dieser Strecke im Bild. Insbesondere sind die einzelnen Tore des Zentralfriedhofes kürzer oder länger zu sehen. Durch die spezifische Sichtweise des Fahrers gerät hierbei insbesondere der neujüdische Friedhof – viertes Tor – in den Mittelpunkt.

Vor einigen Wochen ereignete sich in unmittelbarer Nähe des dritten Tores des Zentralfriedhofes ein tragischer Verkehrsunfall, bei dem ein Mann ums Leben kam. Nunmehr sind an oder in der Nähe der Unfallstelle Kerzen und Blumen situiert. Es mag viele Menschen geben, die den Wiener Zentralfriedhof nur zu besonderen Anlässen besuchen. Ich für meinen Teil kann – so makaber dies auch klingen mag – von diesem zweitgrößten Friedhof Europas nicht genug bekommen. Die unmittelbare Nähe erlaubt es mir immer wieder, kurzfristig den Friedhof zu durchschlendern. Die ins laufende Bild gesetzte Straßenbahn-Fahrt der Linie 71 gefällt mir deswegen so gut, weil der Zentralfriedhof weithin sichtbar ist.

Freitag, 15. August 2008

Olympia-Tagebuch, Teil 3: Blech

Die Erwartungen von Markus Rogan an sich selbst konnte er nicht erfüllen, wenngleich er zugab, dass mehr als die erbrachte Leistung nicht möglich gewesen sei. Mirna Jukic hingegen war nicht unglücklich über ihren vierten Platz, weil sie ohnehin schon Bronze über die 100 Meter Brust gewonnen hätte. Und der gebürtigen Deutschen, Frau Oblinger-Peters, gelang eine kleine Sensation mit dem Gewinn der Bronzemedaille im Frauen-Einer der Kanuten. Also alles in Ordnung, oder?

Bei den olympischen Spielen stehen die Sieger im Mittelpunkt. Ein Ringer fühlte sich betrogen, und trat von der Siegerehrung ab, nachdem er seine Medaille abgelegt hatte. Ein US-Amerikaner zeigte sich über seine Silbermedaille im Kugelstoßen enttäuscht. Nicht allein Blech sorgt also für Furore, auch so mancher Nicht-Gewinner möchte am liebsten vor Enttäuschung im Boden versinken.

Das Leben der Menschen wird weitgehend von Konkurrenz bestimmt. Der sportliche Wettstreit ist nur scheinbar harmlos. Jeder, der als Sportler – in welcher Disziplin auch immer – Erfolg haben will, muss dafür sehr viel Zeit und Geduld investieren. Von nichts kommt nichts. Doch am Ende gewinnt nicht immer der Sportler mit den besten Fähigkeiten in seiner Disziplin. Für manchen Sportler ist es schon ein enormer Erfolg, an den olympischen Spielen teilnehmen zu können. Viele Sportler möchten für ihre Investitionen in den Sport mit einer Medaille belohnt werden. Einige wenige Sportler geben sich nur mit Gold zufrieden, alles andere ist Mumpitz.

Blech ist nicht nur der vierte Platz bei sportlichen Wettkämpfen, wo nur die ersten Drei mit Medaillen gekrönt werden. Blech ist jene „Auszeichnung“, die den ersten Verlierer trifft. Das muss nicht der Vierte, das kann auch der Elfte oder Hundertvierte sein. Im Blickpunkt der Medien sind die Siegertypen und die Medaillengewinner. Der Letzte in irgendeinem Schwimmbewerb wird höchstens milde belächelt. Blech ist ein Synonym für den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage. Der Einzelne kann oft nicht begreifen, warum er nicht im Licht steht. Alles hat sich gegen ihn verschworen, während andere, in ihren Disziplinen scheinbar nur mäßig begabte Personen, mit Geld, Ansehen und Wohlwollen bedacht werden.
Es geht nicht nur um Vitamin B, es geht um Glück, es geht um Kleinigkeiten. Zwischen einer Medaille und einem vierten Platz kann oft nur der Wimpernschlag einer Libelle liegen, wie es Sigi Bergmann einst so treffend formuliert hat.

Das olympische Team Österreichs ist bislang mit drei Mal Blech bedacht worden. Abgesehen davon, dass Frau Soeder wie die Medaillengewinnerin, Frau Oblinger-Peters, ursprünglich aus Deutschland kommt, und Mirna Jukic ebenfalls nicht in Österreich geboren wurde, also die Multi-Kulti-Nation Österreich gleich zwei der drei Medaillen erobern konnte, ist die Auszeichnung „Blech“ die Gunst des ersten Verlierers. Und wenn – ausnahmsweise – mal Verlierer im Rampenlicht stehen, so kann es nur um ein sportliches Großereignis gehen.
Im „normalen“ Leben nämlich bewegen sich die Verlierer in ihren eigenen Bahnen, und werden von den „Gewinnern“ meist nicht beachtet. Aber was heißt „gewinnen“ oder „verlieren“ im „normalen“ Leben? Ist es nicht immer der einzelne Mensch, der sich zum „Gewinner“ oder „Verlierer“ hochstilisiert? Und ist es nicht Unsinn, das Leben immer als Konkurrenzkampf zu sehen? Ja, es ist Unsinn, aber die meisten Menschen, die auf diesem Planeten Erde leben, sind „Verlierer“, weil sie unter schwierigsten äußeren Bedingungen ihr Leben fristen müssen. Sie sind „Verlierer“, und können sich nicht mal an einem Kampf beteiligen. Von vornherein sind sie kampflos besiegt.

An jene Menschen zu denken, die stets mit „Blech“ bedacht werden, mag eine Herausforderung sein. Es ist sicher die einfachere Methode, die Identifizierung mit erfolgreichen Menschen, Teams oder Ländern zu wählen. Aber ist es nicht ZU EINFACH?
„Die im Schatten sieht man nicht“ – und Blech scheppert so leicht. Jeder einzelne Mensch ist dazu aufgefordert, dieses Scheppern nicht nur wahr zu nehmen, sondern darauf zu reagieren.
Mit Solidarität.

Die olympischen Spiele sind eine Show der Nationen mit tragischen oder gefeierten Helden und Menschen, die an ihren eigenen Anforderungen scheitern. Das Leben aber beginnt für jeden Menschen jeden Tag neu bis zum Ende seiner Tage. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch mit Blech lässt sich gut leben. Es kommt ganz auf die innere Einstellung an.